streetview – kulturkonstruktion 3.0

google street-view ist nun online in 20 deutschen städten, schreibt heise ausführlich.

vielen dank an tim für das bewußtmachen! und an kathrin, annette und steffi für reaktionen.

jedenfalls gibt es mir aus persönlicher betroffenheit zu denken und ich hatte mich dazu privat spontan so geäussert:

„ist das nun ein eingriff in unsere privatheit? was denkst du, wie fühlst du dich dabei?

für mich ist es in der tat bewegend … street view wird zukünftig spezifische momente (eigentlich: öffentliche ‚backups‘ unseres privaten daseins) in zeitschichten wieder ausgraben (heute: abspeichern). technisch ist es faszinierend. aber ebenso ist es sozial von hoher sprengkraft aus dem einfachen grund, dass das persönliche gedächtnis einzelner zu einer art visuellem perpetuum für wirklich jeden auf der welt werden könnte. hier insbesondere partner, chefs, personaltrainer und solche, die diese informationen ernsthaft benutzen. … und eigentlich ist privatheit ja ein alter hut der digitalen revolution.“

und bekam diese antwort:

„Wow!! Ich war noch nie vorher auf Google Street View, somit finde ich die ganze Sache ziemlich spannend. … Ich habe eine sehr vage Erinnerung daran mich aus dem Fenster zu lehnen und das Auto mit der Kamera vorbei fahren zu sehen, das ist alles. Für mich ist das wie ein Schnappschuss aus einem Geschichtenbuch, von dem ich nicht wusste, dass es geschrieben wird – wie Magie! …

Ich weiss, was du meinst, wenn du fragst, ob das ein bruch unserer privatheit ist…einerseits IST es so. Insbesonder, wenn du dir das Gesamtbild anschaust, wie oft unser Dasein von externen Quellen wie Überwachungskameras ‚aufgenommen‘ wird, beim Einkauf mit der Bankkarte, beim Geldabheben am Automaten, beim Grenzübertritt mit dem Pass etc. etc. -> Spuren von uns allen zu hinterlassen: Wie bei diesen Langzeitbelichtungen von Strassen bei Nacht, auf denen du den Weg der Autos anhand des Eindrucks ihrer Lichter über der Strasse nachvollziehen kannst. Unser aller gesamtes Leben ist so, wenn also jemand unsere Bewegungen über die Jahre systematisieren wollte, er könnte es tun.

Also ja, es ist ein Bruch der Privatheit. Aber kommen wir da heutzutage raus? – wir könnten im Wald leben, unser Geld nicht auf Banken ablegen und niemals Grenzen überschreiten. Ich weiss nicht, ob das in meinem Leben funktionieren würde. …

In diesem speziellen Fall jedoch kann ich kaum einen Ärger über die Sache spüren. … Ich bin einfach nur aufgeregt und ein wenig traurig, dass wir da in deinem Fenster eingefroren sind. …“

von dieser persönlichen auseinandersetzung ausgehend regt es mich zum querdenken auf der suche nach kulturellen konstruktionen in bildern an:

sinnlich-mental ist das ereignis meiner eigenen ‚verewigung‘ bei streetview mir besonders präsent – ich kann mich sehr genau an den tag und den moment erinnern, an dem vor zwei jahren der streetview opel-astra rumfuhr, in meine strasse rein und aufgrund der sackgasse umdrehen musste und wieder rausfuhr. ich hatte also zeit zum neugierigen blick – das ergebnis dieses momentes in zweier (oder dreier) menschen leben sieht man nun überall auf der welt. und noch eine erinnerung: über jahre bin ich mit genau diesem blick als student am haus vorbei zur vorlesung gegangen, wunderte mich, wer da wohl wohnt. auch dieses bild ist sehr präsent.

der eigentliche umgang mit den personen, die unweigerlich bei street view verewigt werden, ist in einem kritischen ‚zeit‘-artikel nachzulesen.

street view ist selbstverständlich ein zutiefst ’soziales medium‘ – wird wie ich finde jedoch nicht sozial be- bzw. ausgehandelt.

im süddeutsche zeitung magazin war zur hochzeit der debatte in deutschland ein artikel zu lesen über ein fake des streetview autos, das in berlin von der redaktion zum sammeln von reaktionen eingesetzt wurde. wohlgemerkt, damals vor zwei jahren war so gut wie niemandem wirklich klar, was das für ein ding ist und wie man sich davor ‚produzieren‘ müßte. heute kann man damit krach schlagen bzw. schläge einfangen.

ich sehe durchaus die fragwürdigen oberflächlichkeiten und falschen euphorien, die diese ’neue sicht‘ auf das leben hervorbringt, weil diese ’neue sicht‘ aufgrund des fehlens von hintergrundinformationen natürlich wunderbar als ’neue sicht‘ verkauft werden kann. sie überdies aber auch das kreative potential der gesellschaft in anspruch nimmt. der elemtare unterschied zwischen vorkonzeption und realität war dabei vielleicht nie offensichtlicher …

eine nebeninformation dazu, die aber naheliegender weise die eigendynamik dieses prozesses einer konstruktion neuer bilder unserer (lebens)welt am konkreten beispiel verdeutlicht: google arbeite bereits an der ‚aufnahme‘ der gesamten welt einschliesslich aller uns zugänglichen lebens- und nichtlebensräume der erdoberfläche. ’second life‘ ist ein witz dagegen.

es geht noch weiter, wie ein spiegel-artikel beschreibt. das gigapan-foto von jeffrey martin fälscht keine gesichter, hier erkennt man jeden.

aber was gibt uns das zunehmende überwinden der grenzen der privatheit für gesellschaftliche chancen mithin?

einspruchsfristen hin, öffentliche debatte her. online geht streetview sowieso – und entwickeln wird sich das mediale monopol von google auch. ‚versäumt‘ wurde zunächst bei einem für (vorerst) beinahe jeden der 6,5 milliarden menschen auf der welt brisanten projekt, das, was auch bei projekten vergessen wird, die nur drei leute etwas angehen: aufklärung, in allen einzelheiten, das öffnen von mitbestimmungsräumen. das unmöglichsein dieser aufklärung von sovielen menschen sollte eigentlich bedeuten, dass streetview unmöglich ist, oder?

das ließe uns allen dann zeit uns unser eigenes ‚bild‘ von der situation und den möglichkeiten zu machen – wenn es sein muss per pedes. anstatt schon wieder mit dem auto ‚zu gucken‘ wie es kevin lynch im buch ‚the view from the road‘ 1964 erklärt hat – hier eine rezension auf urban tick – und wie es robert venturi und denise scott-brown 1966 für ‚learning from las vegas‘ mit ihren studenten erkundet haben – hier die rezension einer neuerscheinung ‚flâneurs in automobiles‘ bei dprbcn.

sollten wir uns also nicht mehr zeit lassen beim ’sozialen konstruieren‘ in der kulturproduktion um zusammenhänge erstmal zu verstehen?

lars lerup hat 1977 in seinem buch ‚building the unfinished – architecture and human action‘ auf das ’soziale konstruieren‘ verwiesen.

aber warum fällt uns das kooperative zusammenwirken an der kulturproduktion und ihren leitbildern so schwer?

‚die masse‘ hat offenbar immer eine wissens- bzw. bewußtseinslücke, solange nicht medien oder tatsachen für aufklärung sorgen. hier ist die rolle der kunst zum ’sichtbarmachen‘ („kunst gibt nicht das sichtbare wieder, sondern macht sichtbar“ zitiert man paul klee) besonders wertvoll. eine ausstellung in den städtischen galerien dresden namens ‚welt und system‘ zeigt systemkritische kunstwerke, die bild- bzw. kulturkonstruktionsprozesse kritisch beleuchten. ‚die masse‘ der menschen ist zunächst scheinbar nicht in der lage, sich brisante informationen selbst anzueignen, benötigt bis zu einem kritischen punkt also vermittler. die gründe reichen von fehlender zeit bis zu fehlender bildung. diese spanne der ‚kulturellen ohnmacht‘ ist gefahrvoll. das war schon bei ‚mein kampf‘ von adolf hitler so, den nur wenige nach erscheinen wirklich gelesen haben sollen. aber hätten die menschen damals verstanden, was der mann vorhat, wenn sie es tatsächlich alle gelesen hätten? sehr wahrscheinlich nicht, denn aufklärung ist in einer gesellschaft nicht nur die pflicht des einzelnen ‚dummen‘ zum ‚besorgen‘ von informationen, sondern auch die pflicht der ‚wissenden‘  zum ‚verteilen‘ und verhandeln von informationen. dieses bi-direktionale informationsmodell bricht sich bekanntermaßen an den interessen der macht.

die kulturelle brisanz einer gesellschaftlich relevanten sache kann man gewiss sich selbst überlassen – ich jedoch denke wir brauchen unabhängige kulturelle agenten, die die brisanten informationen aus dem medien- und vermittlungswirrwarr herauslösen und gezielt ‚auf der strasse‘ verhandeln – im streetview.

kulturkonstruktion findet im kopf statt – bereits beim sehenden handeln auf der strasse!

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