deutsche kulturlandschaften – heute: sanifair

abbildung: sanifair wert-bon

18. oktober 2011, rastsätte an der a19 bei prignitz-west

mitfahrgelegenheiten sind allein im auto kulturräume mit rasanten geschichten, doch auch links und rechts neben dem kulturasphalt gibt es kultur(t)räume zu entdecken. z.b. auf einem autobahn-wc.

eines sage ich gleich vorweg: die deutsche servicewüste gibt es! und sie hat einen namen:

SANIFAIR.

wer sich mühe macht und recherchiert, findet dies: http://www.sanifair.de/

wer wie ich einfach nur von rostock nach dresden in einer beschaulichen mitfahrgelegenheit fährt und schon beim zustieg ein leichtes bedrängnis fühlt, dem er erleichterung verschaffen muss, der erlebt dies – eine wahre geschichte:

vor dem dreieck wittstock/dosse ist der rasthof mit wc angekündigt – noch sieben kilometer. ich bitte den fahrer dort zu halten, weil es drängt. kein problem. nach dem dreieck biegen wir ein. im kopf habe ich lose gedanken von 30 bis 50 cent gebühr und einer netten dame, die einem beim pinkeln um die beine wischt. ich nehme trotzdem meine geldbörse und gehe los.

noch vor dem rasthaus stürmen eine mutter und ihr kind in die raststätte. auch dringend?! drinnen ist das wichtigste von auslagen in regalen verstellt. aha. da lang, ganz hinten. ich freue mich auf erleichterung. die vergeht mir – auch der gedanke daran – jäh, als ich die schranke am einlass zum wc sehe. der automat verlangt als ich dran bin geld. ok, nichts neues. ich erinnere mich an die deutsche-bahn-wc-center. mist, mein kleingeld reicht nicht. 70 cent will der! ich müßte wechseln. dieser hier akzeptiert auch keine münzen unter zehn cent. aber er wechelt. steht da. ich werfe also den noch vorhandenen euro ein. kling. ich nehme geistesabwesend einen zettel entgegen und fische 20 cent aus dem rückgabeschacht. moment. sollten es nicht 30 sein? ich fingere vergebens und nur aus aberglauben noch ein wenig. das kann noch sani werden, aber das ist mit sicherheit nicht fair! dann erinnere ich mich an etwas. „bitte durchghen“.

ich finde die herrentoilette und finde entgegen den deutsche-bahn-wc-centern keine geräumig toilettenanlage. alles eng. die urinals sehr tief, dafür riesig. irgendwas ist komisch hier. die sitzplätze sind natürlich besetzt. zweimal rot. ich warte.

dann kommt ein jüngling aus dem hinteren abteil. ich gebe höflichkeitsabstand. dann endlich. jetzt aber. nein! alles gelb, alles naß! ich zögere. dann gehe ich zurück. er wäscht sich noch. ob das von ihm sei. nein, das sei schon so gewesen. ich nehme es hin. putze alles trocken. aber was ist das? ich fahre nur mal eben zum spülen – denke ich – über die lichtschranke und nun wird mir einiges klar: ein selbstreinigendes wc. ein bürstenkopf fährt aus. dann dreht sich die klobrille und erscheint mir zunächst wie eine dieser verzerrten skulpturen von erwin wurm. bis ich erkenne, dass die bürste das ding putzt. cool! nun ist die brille immernoch naß. zum glück bloß wasser?! alle arbeit umsonst. aber doppelt hält besser.

dann die erleichterung.

mir bleibt so ein moment der ruhe um mich daran zu erinnern, dass ich meine zehn cent zurück will. ich beschließe draußen an der kasse zu fragen. als ich gerade fertig bin und mich erhebe, tönt eine sanfte frauenstimme wie dereinst bei der dvb in dresden in den trams, dass ich mich hier in einer modernen toilettenanlage von sanifair befinde, dass sie alles täten, damit ich mich hier rundum wohl fühlte. ich kriege einen koller. auf dem weg zum waschbecken raune ich dem anderen mann zu, dass dies bisher ein totaler reinfall sei.

an der kasse quatsche ich die dame unhöflich von der seite an, obwohl sie frontal einen kunden bedient. der automat habe von mir zehn cent trinkgeld einbehalten ohne warnung. sie bittet um geduld. die habe ich grad noch. die mfg war bisher kein rennen. dann fragt sie mich mehrmals welcher automat mich denn behumst habe. erst beim hinsehen erkenne ich, dass es der freistehende war. der pinkelt sicher im stehen, frei und ohne netz und hat weniger unannehmlichkeiten. der muss mich wohl erkannt haben. der jüngling wohl auch, denn auch er hatte offenbar im stehen gepinkelt, sonst hätte doch die lichtschranke ausgelöst und alles gereinigt, oder? blöde technik, die die sitten deutscher jungmänner nicht erkennt! die dame gibt mir aus einer plastikdose neben der kasse meine zehn cent. ein teilerfolg. danke. tschüss.

noch im rausgehen höre ich sie zu einer kollegin sagen: „der hat schon wieder zehn cent einbehalten!“

erst hinterher sehe ich beim freudigen berichten des erlebten im auto auf dem gutschein, dass es ein gutschein ist. ich solle mir meinen kaffee holen. haha. der tee und der orangensaft waren heute morgen mein leid! ich trinke aus guten gründen morgens ohne grundlage keinen kaffee. was nun? ich habe also für 70 cent gepinkelt und hätte für 50 cent kaffee trinken können. also hätte ich schätzungsweise noch wenigstens 100 cent zahlen müssen. dann aber hätte ich wieder auf klo gemusst. wie lange ich das wohl durchgehalten hätte? ob ich den gutschein woanders einlösen werde?

als wir über die preise philosophieren, bestätigt die ältere mitfahrerin, dass bei den deutsche-bahn-wc-centern nach der preiserhöhung ein euro pro toilettenanlagenbesuch angesagt sind. aber hallo! kaffeetrinken wird teuer. obwohl doch durch die schleichende automatisierung der gesellschaft alles billiger werden müsste?!

da fahr ich lieber in die echte wüste. da ist wasser knapp und man haushaltet damit und geht nicht so oft auf klo und wenn, dann richtig.

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2 Gedanken zu “deutsche kulturlandschaften – heute: sanifair

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