streetview – bildkonstruktion 3.0

abbildung: © jon rafmann, http://www.9-eyes.com, screenshot

am 18. november 2010 hatte ich auf die in der „ag stadtdokumentation“ laufende diskussion um die einführung von google streetview dresden mit diesem beitrag reagiert. was sich mir damals als zeitgenössische KULTURkonstruktion darstellte, differenziert sich anhand eines impulses – erneut von tim und erneut gefolgt von einigen diskussionsbeiträgen der beteiligten – nun als dahinterliegende BILDkonstruktion.

der link von tim führte auf die website von jon rafman namens „9 eyes“ (neun augen). darauf findet sich, kommentar von tim:

„Eine größere Sammlung von Bildern aus Streetview, die man so wohl auch in eine Galerie hängen könnte“

der name ist programm. ein online-kompendium von ungezählten bildern und bildausschnitten aus google streetview ist gerahmt von einem abbild der neunäugigen gooogle kamera, mit der streetview seine daten gesammelt hat, am oberen und einem „JR“ benannten link am unteren ende der seite. das kompendium umfaßt im normalzustand 91 a4-seiten mit meist 2 bildern. obigem link kann man schnell folgen und gelangt auf eine seite mit namen http://googlestreetviews.com/ mit nochmehr links zu webseiten, die das kompendium in text, bild und film unterstützen und zeigen, was sich der autor dabei gedacht hat – in englisch. dem unteren link hingegen kann man erst folgen, wenn alle bilddaten der seite geladen sind. geduld ist angebracht um dann unter http://jonrafman.com/ mehr über den autor zu erfahren. beide links lohnen sich. nicht ohne die europäern oft ironisch erscheinende amerikanische selbstsicherheit weht auf dem letzten bild die google-flagge einträchtig unter der us-amerikanischen.

was jedoch hat diskussionen ausgelöst?

annette hat diese bilder angesehen und kommentierte als erste so:

„:-)) ist ja unglaublich….und da ist nicht nur ein Alien am Wegesrand…
ich bin versucht diese Seite mit in unsere Linksammlung unter der Rubrik „Andernorts“ aufzunehmen……..“

meine erste reaktion war zunächst der verwertung auf der seite der ag stadtdokumentation gewidmet:

„ja!
… und ich würde mir aus unserer eigenen sicht dazu einen kritischen artikel zu stadtokumentation, dokumentation und den neuen möglichkeiten bzw. sichtweisen wünschen …“

worauf zunächst eine entsprechende reaktion von annette eintraf:

„Na so ein Artikel muß reifen… den kann ich jetzt nicht so schnell aus dem Ärmel schütteln…ich habe mich zwar sehr über einige Bilder amüsiert, jedoch befällt mich bei der Ansicht der Bilder ein leicht befremdliches, verlorenes  Gefühl   es sind Bildwelten, die nichts mit meiner Umgebung zu tun haben…. Es ist doch eine sehr indirekte Dokumentation…wie ein surrealer Film …

Ich finde der song „Videogame „ von Lana Del Ray. passt ganz gut von der Stimmung
http://www.myspace.com/lanadelrey

ich hatte zwischenzeitlich erst alle bilder angesehen und mich dann auch der musikerin und ihrer musik zugewandt. beides inspirierte mich im kontext zu dieser längeren reaktion:

„na gut,

das ist sehr anschaulich.

aber eine idee für eine neubebilderung ihres videos wäre es ja, zumal das andere fast genauso aussieht und man schwierigkeiten hat in der „wilden“ zusammenstellung der bilder. insofern paßt es dann auch wieder. 

nur haben die bilder bei der dame eine bildintension und die bei google eben keine, absolut keine (bis auf pausbackige ausnahmen und grade finger)

mein empfinden bei den bilder von google:
gar keins.

meine erklärung dazu:
alles schon gesehen.

die ganze stinknormale banalität des lebens in bildern wie bei TV und film bzw. wenn man mal fremden über die schulter schaut, die ihre fotos abgeholt haben oder private foto-cds irgendwo findet – seit einigen jahren nun auch bei google. ich hatte mich da ja auch „aus dem fenster gelehnt“ – siehe die diskussion damals als streetview in dresden „rauskam“.

hier eben redaktionell begleitet von einem gewissen „JR“ (steht ganz unten und ist ein link zu seiner website)

die viel wichtigere frage für mich:
mit welchen „vorbildern“ hat derjenige die bilder „gecastet“?

es waren wenige aussergewöhnliche motivische abweichungen dabei…
und wenn, dann waren es die technischen defekte oder einfach „schöne“ landschaften, ungeahnte bildfiguren, abnorme wahrnehmungsmuster – das hat mein empfinden dann provoziert.

der mensch tut sich wirklich nicht sehr viel gutes, indem er die immer gleichen bildwelten wieder und wieder konsumiert.
je mehr lagen gleicher muster wir sinnlich (denn wir stimulieren uns damit ja) aufeinanderlegen, desto flacher und unerschütterlicher werden wir in deren wahrnehmung.

aber vielleicht muss das „globale bildbewußtsein“ auch so sein und hat chancen für uns? …“

interessant wird das ganze auf meiner seite zunächst, weil ich parallel zum lesen des buches von roger willemsen „die enden der welt“ gerade die schauplätze darin bei goolge-maps nachrecherchiere und hier auch auf streetview wie gleichsam google-earth zugreife. es ist äußerst spannend, was dabei zu tage kommt…

eigentlich brisant ist das thema aber deshalb, weil auch ich aus lauter neugier und gleichzeitiger unwissenheit vom google streetcar für die globale welt festgehalten wurde – wie beschrieben im beitrag von vor einem jahr.

was passiert hier mit uns? was bringen die bilder zu vorschein?

persönliche zugänge vieler menschen emotionalisieren die debatte um die bildhoheit. darin liegen viele spannende potentiale, sei es in der abneigung oder dem befürworten. ich selbst kann online den bildern gegenüber keine emotionen entwickeln. eher vielleicht könnte ich das in der ausstellung der großformatigen abzüge von jon rafman unter dem titel „16 Google Street Views“, die auch als pdf auf dem oberen link herunterzuladen ist.

halbobjektiv betrachtet treiben mich kritische momente um:

die einführung von google streetview – und meinem abbild mithin – hat zu keiner zeit unter meiner direkten beteiligung oder befragung stattgefunden. auch bin ich als ursächlich betroffene person zu keiner zeit aufgeklärt worden. google streetview gehört damit zu der vielzahl von im eigentlichen sinne politischen selbstverständlichkeiten, die ohne nachvollziehbare breitgelagerte entscheidungsprozesse stattfinden. sowenig ich selbst meine stimme für oder gegen die globalisierung meiner direkten lebensumwelt erheben konnte, so wenig frage ich heute in der nutzung von google streetview, wie das die menschen in asien, afrika oder amerika sehen, die mir auf den recherchen zu oben genanntem buch begegnen. ein offensichtlicher interessenkomplex. das sprichwort, „wenn ich nicht teil der lösung werde, werde ich teil des problems“ findet hier einen hauchdünnen aufhänger… meine version: wir können uns in einer globalisierten welt der vermarktung von allem und nichts nicht mehr vorstellen, etwas NICHT zu tun.

der autor jon rafman bespricht dies nicht, denn der amerikanische patriotismus und pioniergeist wird allzuselten infrage gestellt. allerdings geht er auf die ihm zugrundeliegende bildkonstruktion in seinem essay „The Nine Eyes of Google Street View“ ein, ebenfalls unter dem oberen link zu finden. die ist vordergründig subjektiv und geht dann auf in einem fachkritischen diskurs. meine frage, mit welchen vorbildern der autor wohl seine bilder ausgesucht haben mag, beantwortet rafman ausführlich. dennoch bleibe ich skeptisch. in einer schon vom fernsehen und omnipräsenten live-jounalisten banalisierten welt gibt es nichts, was ich nicht schon gesehen haben mag, zumal durch eigene anschauung. ich habe mich lange vom fernsehen und öffentlichen medien verabschiedet, weil sie mir nichts mehr bieten können und ihren informationsethos durch ihre bild- oder klanggewalt obsolet machen. dennoch ist google streetview in den köpfen der rezipierenden menschen erst durch diese banalisierung möglich geworden. die vision liegt hinter den augen.

was kommt danach?

die meisten betroffenen in aller welt haben keinen zugang zu dem fachkritischen diskurs eines jon rafman und wissen in aller regel ebensowenig bescheid über die hintergründe von google’s bereits mit dem „auge gottes“ beschriebenen technologie-offensive. der auch von jon rafman zitierte satz „do no evil“ (tue nichts böses) wird eilig herbeigerufen um keine schlimmen visionen aufkommen zu lassen. schließlich ist die rolle des autoren indifferent gegenüber dem produkt und dem hersteller. jon rafman ist nicht der fotograf. die bilder sind nicht seine fotos. er selbst ist nur ein medium der aneignung und übermittlung unter milliarden anderen. er ist insofern dienstleister von google und betrachter gleichsam, er produziert etwas, das ihm nicht gehört. sein standpunkt ist äußerst wage. nun könnte man sagen, die klassische fotografie hat sich doch ebenso nur die realität angeeignet. diese sei nun eben virtuell. die abenteuer- und informations- oder auch techniklust der einen steht dennoch in abgrundtiefer diskrepanz zur lebensrealtiät der anderen. der fotograf musste (und muss) sein gegenüber noch um erlaubnis fragen. so etwa der deutsche fotograf timm rautert, der die „ahmisch“ in pennsylvania, usa fotografierte, die sich eigentlich nicht footgrafieren lassen. gott hat im fall von google eine greencard. es ist im weltweiten kontext aber die subtilität des unbegreiflichen hinter der aufschrift, die vielen menschen intuitiv oder auch aus bewußter anschauung angst macht.

ganze kulturen mögen sich im persönlichen „first contact“ gegen das google streetcar aufgelehnt haben oder sind vor ihm weggelaufen ohne eine ahnung zu haben, was ihnen da begegnet, aus purer menschlicher betroffenheit. etwas passiert, aber ich habe keinen zugriff darauf. allen (zweifelhaften) versprechen der globalen vernetzten welt zum trotz.

es entbehrt nicht der ironie, dass auch meine neuerliche exzessivität in der nutzung von geografischen google-instrumenten auf ein beinahe ganz und gar analog verfasstes buch zurückgeht, in dem der autor sogar die abstinenz vom mobiltelefon beschreibt und an mehreren stellen die hygienischen kulturunterschiede zwischen der westlichen und restlichen welt zum bedenken anführt. was im zwischenmenschlichen gilt, mag auch im interkulturellen gelten. kulturtechniken haben uns anders sehen gelernt. seitdem der mensch – und das nunmal besonders in der westlichen welt – seine umwelt sehenden auges gestaltet – und eben nicht nur dokumentiert! – sieht er unter umständen oft genug zu genau hin. mit google-streetview wird zunächst eine z.t. wunderschöne, z.t. zerrüttete, z.t. morbide welt dargestellt.

„die welt ist eine google“ (anonymes–sächsisches–sprichwort)

doch schon im nächsten augenblick möchte dieses auge dank der anbindung an das großhirn in den gesehenen landschaften aufräumen. es hat schwierigkeiten, gesehenes einfach als zustand zu akzeptieren. das liegt im menschen. einzelne kommentare zu den bildern dürften das bereits einschließen. entscheidungsträger sehen darin dann schnell die große möglichkeit. es ist derselbe staat, der an stets wechselnder anderer stelle in der welt „aufräumt“ und damit nicht nur über die bildkonstruktion, sondern auch über die materialistischen eingriffe sinnliche hygiene betreibt, der google und die weltweite bildhoheit beiheimatet.

der autor von „9 eyes“ jon rafman hat dies nirgends in betracht gezogen. er hat lediglich ein neues feld für die (seine?) kunst erschlossen und hochbrisante bildwelten erschlossen, nicht aber eine kulturkritische position bezogen.

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