freiheit Aushalten! #3 sexualität – danach

grafik: gesprächsmitschrift, felix liebig, 3. märz 2012

die lage der lokalkultur ist danach äußerst facettenreich.

mit dem thema sexualität, dem ort ärztehaus prohlis und den gastgebern anita seyfath und gabriele mechling hat die diskursvorlage freiheit Aushalten! nun ihren guten anfang gefunden. sie ist sozusagen geboren und das an einem ort, der besser nicht passen könnte. sie hat nun, da sie „raus ist“, gezeigt wer und wie sie vielleicht mal sein wird. sie deutete in diesem ersten akt auf alles, was sie haben kann und sollte. sie war ein ganzheitlicher abend an einem ort mit menschen zu einem thema. zunächst war sie situationsgemäß introvertiert, also ohne externes auditorium, dafür recht ausgiebig mit den drei stunden diskurs. alle neun anwesenden entspringen einem relativ kleinen lokalen kreis, neben dem kultur!ngenieur waren es ausschließlich frauen. die atmosphäre war entgegen den klischees einer arztpraxis warm und offen. das kann unter dem aspekt der kulturforschung sogar von vorteil sein.

worum ging es?

nach gegenseitiger vorstellung folgte das angekündigte märchen „die roten schuhe“, ausgesucht von anita, gelesen von irma. in der folge tauschten wir uns weniger über das klischeehafte „eine“ als vielmehr um dessen facetten, motivationen und konsequenzen aus – also im besten sinne über den kulturkreis sexualität, die kulturelle landschaft im kopf. subjektiv entspann sich für mich im zuhören zunächst die fragefolge nach den vielen versionen, die ein märchen und auch dieses hat; nach dem thema scham und dem aktuellen film „shame“ von steve mcqueen; nach der zucht als opposition der freiheit; nach dem fetisch (der roten schuhe); nach dem sinnbild der roten lippen; nach werbung und ihren deutungen; nach der rolle der ärzte; nach bildung im kontext von sexualität; nach der ruhelosigkeit als antrieb oder ergebnis; nach gewalt; und schließlich nach heimat und deren verlust, aber auch deren maßstab.

diese überhaupt nicht objektive folge bildete dann meine diskussionsbasis und ergänzte sich mit den beiträgen der anderen im verlauf. ich war zugleich auch moderator und hatte das vergnügen eine sehr offene gesprächsrunde eigentlich nie wirklich moderieren zu müssen, in der sich alle themen letztlich fast von selbst einstellten und final das gefühl überwog nicht alles denkbare, doch aber alles aussprechbare in der zeit thematisiert zu haben. viele weitere stichworte füllen demnach mein notizpapier. das märchen als schriftstück wurde durchaus besprochen und gleichsam als hilfskonstruktion für den diskurs literarisch untersucht. mich interessieren hier aber die kulturellen schnittstellen.

der bogen spannte sich in unserer diskussion vom innersten der „liebe“ an sich bis zum womöglich extremsten der „todesstrafe für kinderschänder“. bei ersterer waren sich alle einig, dass es der ausgangspunkt eines selbstbewussten und freiheitlichen lebens ist; bei letzterem wurde die diskussion zum einzigen mal an diesem abend ein wenig klamm. hier scheiden sich die geister durchaus und die formulierungen werden vorsichtig – und das ist zunächst einmal gut so, weil es um elementare gesellschaftliche moralvorstellungen geht. auch in dresden gibt es allzu oft diese schriftzüge auf autos, gerade dort, und es zeigte sich wie wichtig das reden darüber anstelle des stigmatisierens und pathologisierens vermeindlicher täter und opfer ist.

es geht um mehr!

es beginnt ganz am anfang. unter anderem in märchen finden kinder den anfang von sich und der gesellschaft. aber vor allem in der familie finden sie vertrauen, hingabe, halt, unabhängigkeit – das ganze repertoire ihres seins. ist die kultur einer gesellschaft (nicht die gesellschaft als körper, sondern ihr geist!) nicht in der lage, dies kulturell weiter zu befördern und den werdenden menschen nach seinen autonomen maßstäben zu bilden, greift sie über unzählige kanäle zudem in das wertebewusstsein der familien, des einzelnen, ein ohne ausgleich oder gar vorrang über bildung zu schaffen, bzw. bildung zur symptombekämpfung werden zu lassen, verliert der mensch das eben nicht gottgegebene urvertrauen wieder. gut, das ist meine version und jeder mensch ist hier anders im diskurs. interessanterweie fragten mich just im losgehen die zeugen jehovas (wiki), ob ich denn das wort gottes hören wolle und ich hätte sie eigentlich einladen sollen.

wir haben uns in der diskursvorlage deshalb folgerichtig auf dem höhepunkt des gesprächs die frage gestellt:

warum argumentiert und handelt die westliche gesellschaftsform so ungeheuer viel um das richtige herum anstatt es einfach zu tun?

mit den kindern fängt es auch hier an. wir tun uns im perfektionsliebenden deutschland ebenso wie in den puritanischen vereinigten staaten ungeheuer schwer individuelle freiheit zu akzeptieren. die technokratie, das vermeindliche ordnen der welt, das kontrollieren bestimmen das abendländische denken. ein ganzer kosmos aus ausreden und alltäglichen ersatzhandlungen zwischen auto und zuhälterei um die eigenen gefühle herum – und auch um die vorzüge z.b. der deutschen sprache ganz im gegensatz zu den einschätzungen von mark twain in „die abscheuliche deutsche sprache“ – lässt uns von uns selbst und dem nächsten unserer gefühlsräume mittlerweile so gelernt und konditioniert absehen, dass ein rückkehr zu uns fast ausgeschlossen scheint. ist es da verwunderlich, dass gerade diese beiden staaten noch immer die protagonisten einer maschinengesellschat sind? ich überspitze bewusst. in dresden am rosa-luxemburg-platz ist eine gedenktafel mit einem an dieser stelle für mich bedeutenden satz angebracht. rosa luxemburg wird auf wikipedia so zitiert:

Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Nicht wegen des Fanatismus der »Gerechtigkeit«, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die »Freiheit« zum Privilegium wird.“
– Die russische Revolution. Eine kritische Würdigung, Berlin 1920 S. 109; Rosa Luxemburg – Gesammelte Werke Band 4, S. 359, Anmerkung 3 Dietz Verlag Berlin (Ost), 1983.

die gesprächsrunde hat gezeigt, dass sexualität ganz viel mit freiheit zu tun hat, auch da, wo wir es nicht erwarten. zwischen a wie anmache und z wie zucht hat fast jedes wort eine konnotation zur sexualität im kopf des menschen. das muss so? nicht jeder jedenfalls kann das ohne weiteres aushalten. auch sexualität ist politisch. die gesellschaft aber und mit ihr die familie als kern jeder kultur muss es dem menschen möglich machen öfter als ein paar mal im leben den „kleinen tod“ zu sterben wie man in frankreich zum orgasmus sagt. (dazu wikipedia „orgasmus„) das märchen von den „roten schuhen“ selbst ist als parabel ein literarischer orgasmus mit einem anteil von tod gegen sein ende hin. in diesem sinnbild und gleichsam weltprinzp von sterben und wiederauferstehen liegt wie wir fanden ein großteil der wahrheit über die freiheit des menschen und seine (gegen)kräfte. im kontrast liegt erkenntnis.

ich neige zu einem plädoyer und bin froh über diesen ersten abend zu lokalkultur, weil er den möglichkeitsraum dessen, was mit dem akt der zeugung von freiheit Aushalten! fabuliert wurde, nun an diesem besonderen ort und thema lebendig macht. weil er aber auch zeigt, was der wert der lokalkultur und einer gemeinschaftlichen plattform für die kulturelle erkenntnis ist, im gegensatz etwa zum eindringen der missionare in die privatsphäre des einzelnen. mein schlusssatz aus diesem gedankenraum:

im sexuellen höhepunkt zieht unser ganzes leben an uns vorüber. wir könnten dies als träume deuten. wir könnten wie die schamenen in der liegenden kraft heilung finden. wir könnten mit den gerüchen und geschmäckern der lust die ganze welt erkennen. wir könnten zulassen und annehmen und das als vorteil begreifen. wir könnten ohne umwege an sich frei sein.

warum nur tun wir es nicht einfach? warum sind wir so verschlüsselt?

deshalb hier auch der besondere dank an anita seyfarth und gabriele mechling für das ideen formulieren und raum geben. und prohlis!

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