die altstadt ist ein denkmal

fotos: felix liebig, titelfoto: klapptafeln zu den laufenden welterbestätten in deutschland in der welterbeausstellung in stralsund

die gesellschaft für internationale zusammenarbeit (giz) hatte den kultur!ngenieur zu einem seminarbeitrag für ihre internationalen stipendiaten eingeladen. die stipendiaten sind 20 in ganz deutschland tätige forscher aus unterschiedlichsten bereichen wie der kultur, dem tourismus und dem ingenieurwesen, gleichsam aus den weitesten teilen der welt: indonesien, südamerika, nordamerika, russland, afrika und asien. das seminar war teil eines bildungsprogramms vom 13. bis 15. april 2012 in der hansestadt und weltkulturerbestadt stralsund. der beitrag war als einführung / hinführung auf die zur zeit laufende welterbeausstellung in stralsund anlässlich des zehnjährigen bestehens des welterbestatus von stralsund und wismar zu verstehen.

das war gelegenheit für die eingehende beschäftigung mit dem welterbe der unesco, dem aberkennen des titels in dresden und den aufgaben der welterbeagenten in wismar und stralsund. es war überdies ein ausgedehntes wochenende kultureller erkundungen gemeinsam mit den internationalen teilnehmern innerhalb des baulichen welterbes in stralsund. die stadt ist mir sehr vertraut und heimisch. wiedersehen macht freude. daraus entstand die aktualisierte präsentation ebenso wie eine reihe fotografischer annäherungen an die stadt: die altstadt als baulich-kulturelle lebenswelt und das ozeaneum als hochkulturelles stadtregeneratives implantat am hafen.

wie macht stralsund (welt)kultur?

die giz formulierte eine einführung in das thema für die teilnehmer:

Die Hansestädte Stralsund und Wismar gehören auf deutscher Seite zu den Baltic Cities. Ihre Altstädte wurden im Jahre 2002 von der Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation (UNESCO) als repräsentatives Beispiel für das kulturelle Erbe der Hanse gemeinsam in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen und gehören damit zum kulturellen Erbe der Menschheit von außergewöhnlich universellem Wert.
Wir befassen uns mit den Fragen: Welches waren die Kriterien, damit Stralsund und Wismar in die Welterbeliste aufgenommen wurden? Wie entscheidet ein Welterbe-Komitee? Welche Herausforderung stellt die Denkmalpflege für eine gesamte Altstadt und nicht nur ein einziges Gebäude? Welche Rolle spielen die Kriterien der Nachhaltigkeit?

der fragenkatalog dazu umfasste folgendes:

– Was ist die UNESCO?
– Was ist Weltkulturerbe?
– Weltkulturerbe in Deutschland
– Präsentation am Beispiel Dresden
– Fragen und Diskussion / Q & A
– Warum sind Stralsund und Wismar Welterbe?

in einer umfassenden recherche und daraus resultierender keynote-präsentation habe ich diese und ergänzende themen illustriert und schließlich mit den seminarteilnehern soweit möglich kooperativ diskutiert. dabei lag mein fokus vor allem auf den mir naheliegenden beispielen dresden und bad doberan. ersteres als lebensort, der von der welterbeliste 2009 gestrichen wurde; letzteres als heimatort, der sich bis 1. august 2012 zur aufnahme in die deutsche vorschlagsliste der unesco welterbestätten bewirbt.

hier die keynote-präsentation:

120416_unesco_nachlese_giz

der  persönliche kern der argumentation spannte sich in meiner sichtweise dialektisch zwischen dem lebendigen gewachsenen und wachsenden welterbe der altstadt von stralsund und der als raumkulisse empfundenen leitarchitektur der innenstadt von dresden auf. in stralsund atmet die stadt menschlichen maßstab in ihrer proportion und funktion bis hin zur eigentümerschaft; in dresden ist dieser maßstab durch die kriegs-, nachkriegs- und nachwendezerstörungen verschoben in die sphären der bauträger und großinvestoren. das stralsunder selbstbewusstsein als stadt ist ein gewachsenes, freilich mit der gunst der denkmal- und städtebauförderung; das selbstbewusstsein von dresden als stadt generiert sich augenscheinlich aus dem derivat von „mythos dresden“ und „canaletto-syndrom“ im ausfüllen einer zu recht als schmach empfundenen lücke der vernichtung. in stralsund baut man weiter; in dresden baut man noch immer an den raumgrundlagen. für stralsund spricht ein dichtes gefüge aus sozial-kulturellen raumstrukturen, die in ihrer zeitgereiften universalität europäischen rang besitzen; in dresden vergessen die menschen über der materialisierung ihrer wünsche und hoffnungen mit den nicht immer probaten zeitgenössischen mitteln der stadtentwicklung, dass diese wunschikone „europäische stadt“ hier vielmehr als irgendwoanders an der marktkapitaliserung aller raumstrukturen durch die größtenteils identifikationslosen bauherren gescheitert ist und in der öffentlichkeit kein nachhaltiges bild für eine zukünftige entwicklung in dem propagierten sinne vermittelt wird.

auf diese oder jene weise kann dresden von stralsund viel lernen. vor allem aber braucht dresden zeit, denn stadtkultur produzieren menschen nur dann, wenn sie dafür grundmenschliche raum-, nutzungs- und gestaltungsstrukturen vorfinden.

kurz nach dem seminar wurde die veröffentlichung des filmmaterials von dieter wieland bekannt, die hier als kritischer abschluss dienen soll.

 „Topographie – Skizzen aus Deutschland – Dresden – Ein Film von Dieter Wieland – 1991“ ca. 45 min.

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