wohnzimmerspionage_zehn_wiederseh’n – die nachlese

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fotos: felix liebig, sebastian löder – 20. april 2012 – fotos sind z.t. spionagebedingt unscharf
text(e): felix liebig, sebastian löder

das wiederseh’n war in der tat ein zusammentreffen mit alten bekannten: der friedrichstadt, na klar, aber auch menschen, die der kultur!ngenieur nicht erwartet hätte an diesem abend. eine freude! gefreut habe ich mich ebensosehr über udo wargowske aus dem päppelmannhaus und erich riedel von der ig historische friedrichstadt als ortskundigen, geistreichen bis hintersinnigen und illustrativen kulturspionen. ihr wissen ist hier niedergeschrieben. danke.

anbei die destillierten ausführungen des partnerblogs „halbrundes zimmer“ und dort auch die bilder:

„Im Dunkeln die Friedrichstadt erkunden. Geschichte und Geschichten von Adeligen, Hausbesitzern, Brunnen und Schnellrechnern. Den lyrischen Keller gesucht, eine geschlossene Gesellschaft gefunden, Landartstimmung mit Echtholz im Neubaublock, Bessersche Wandbilder und Reste/Überschiebungen verschiedener Lebens- und Bauzeiten an fast jedem Haus und jeder Ecke. Die Friedrichstadt ist schon ein besonderes Fleckchen.“

auf dem beinahe U-förmigen spionagegang durch die südlicheren teile der friedrichstadt begegneten uns Unmengen Untergründiger Utensilien – mit anderen worten: die friedrichstadt scheint ein ausgesprochen dienstbarer stadtteil zu sein. von a wie altenpflege bis w wie wachsbleiche betrieb und betreibt man hier so ziemlich alles, was mittelbar und unmittelbar mit dem haushalt und so auch dem wohnen zu tun hat. also gar nicht so privat und doch hat jeder bewohner ja auch irgendwo dort oder an vergleichbaren orten gearbeitet. vielleicht erhellt daraus, warum der stadtteil auch heute noch so „abgelegen“ erscheint. er war und ist ein versorgungszentrum von alters her. hier war das vorwerk der könige. im ostragehege nebenan wurde erst gejagt und später geschlachtet.

das kleine kulturalphabet zur lage des privaten haushalts in der friedrichstadt:

mit A fing in der friedrichstadt nicht alles an, sondern hörte vieles auf – wie abriss. noch 1989 es gab man signal zur sprengung auf der schäferstraße. da standen die plattenbauten auf der südseite schon. so gibt es durch den wendebruch hier jede menge brachen. die machte das kulturprojekt „R.A.U.M.citybrache“ zum inhalt und projektraum. eine B wie brauerei an der bräuergasse oder auch einen „bananenrichter“, bei dem es – wenn denn mal – die gelben krümmlinge gab. schon vor dem krieg. das hat eine gruppe um den herrn B wie besser im projekt C wie „citybilder“ nun an der brandwand der adlergasse 16 aufgegriffen. dieses und das haus um die ecke gehören noch heute dem nachfahren emil richter, der zwei plaketten zur familiengeschichte in dem haus wachsbleichstraße 1 anbrachte. die D wie dinterstraße ist wie auch die vorwerkstraße heute vom krankenhauskomplex unterbrochen. an ihrer ecke zur wachsbleichstraße fand sich ehemals ein friseur namens philipp. ein E ist mir nicht Untergekommen. im zentrum steht dafür F wie friedrichstadt. besser gesagt Zentral, denn im anderen kulturverein im stadtteil, dem friedrichstadtZentral gab es am tag drauf die sichtIbetonIungIsieben. die lud zum „tanz der klischees“. weiter oben am hohenthalplatz gab es eine G wie gullideckelfabrik mit dem illustren namen „kelle & hildebrandt“. noch heute findet man sie in der stadt – die gullideckel. H wie „hilde’s bierstuben“ standen drüben an der schäferstraße. nicht das einzige lokal im viertel. in einem anderen in der bräuergasse gab es angeblich mehr als genug schlägereien. die jungs vom hafen waren nicht weit. übrigens hieß „1/4 friedrichstadt“ ein projekt des riesa efau, dem wir heute die geäzten metallschilder mit geschichtlichen und kulturellen hinweisen an laternen im stadtteil verdanken. I und J sind leider nicht verzeichnet. aber K wie kristallpalast war einer der knüller auf unserer runde. ungefähr am heutigen ort der L wie lyra stand nämlich einst ein prachtvoller ballsaal. ob das coop himmelb(l)au bzw. die ufa bei ihrem renommierprojekt, dem kristallpalast an der petersburger straße wussten? aber den hat wohl der volksmund erfunden. im übrigen ist die lyra als kneipe vermutlich in den kellern des damaligen ballhauses eingerichtet, wo man noch heute kegeln kann und nur ein pförtnerhäuschen auf der oberfläche der erde von den dionysischen abgründen im Untergrund zeugt. wir hörten frohe stimmen und trauten uns dann doch nicht in die tiefen. achtung: verwechslungsgefahr. denn die lydia war die angeblich erste christin. das kann zu blitz und donner zwischen himmel und hölle führen. folgt M wie „meisel’s“ brauerei. noch eine, die nahe der schäferstraße gewesen sein soll. mit M spricht sich auch das wort mauer, das der wachsbleichstraße ihr etwas undurchsichtiges gepräge gibt. und N wie neptun heißt der gute mann, der dem brunnen hinter ebendieser mauer seinen namen lieh. wenn er wüsste! der brunnen ist nun im zweiten sanierungsabschnitt, das komplette becken ist weg und die randsteine beiseite gestellt. interessant ist, dass ein paar schritte weiter ein garagentunnel bedenklich nah an den brunnen führt. zu allem guten auch das nicht so gute: N wie nazibauten, sie gesellen sich an der ecke berliner / vorwerkstraße in das vielschichtige bauhistorische bild der friedrichstadt von barock bis gegenwart. nicht o, aber die ö wie ölmühle stand einst direkt an der weißeritzstraße. sie ist schon lange weg. das bild eines freundes finde ich nicht mehr. es hängt noch in der ausstellung der ag stadtdokumentation im kino in der fabrik. die „citybrache“ hatte zuletzt ihre lettern an dem giebel des baus. nun steht das betonarmierte hinterhaus neben den losegebrochenen steinen des bruders allein auf weiter flur. auf dem grundstück war ehedem ein gemüsehändler, später ein trödler und heute ein sandsteinlager. das alte dresden wird hier nun in „berliner-mauer-andenken-format“ verkauft. das P wie pfarramt stand anstelle des heutigen schwesternheimes am hohenthalplatz. man kann es nur ahnen, denn der friedhof ist gleich nebenan. R wie riesa darf nicht fehlen. das „stadt riesa“ war ausgangsort dieser zweiten spionage in der friedrichstadt und versteht sich für viele als „wohnzimmer“ des stadtteils, gar der stadt überhaupt. riesa efau – dazu ist nicht viel zu sagen, denn der kulturverein spricht mittlerweile für sich. da war auch ein S wie „schnellrechner“, der früher als die waage und wohl auch der liebe herr im himmel den preis der ware erriet. himmlischer waren sicher nur die schafe beim S wie schäfer am anfang der schäferstraße. doch das ist lange her. zu T fällt mir nur ein: tut mir leid, kein eintrag. bitte schauen sie später nochmal rein. U wie untergründig wurde eingangs erwähnt. sogar einen V wie vogel gab es, allerdings einen der nicht storchengleich kinder bringt, sondern nur kinderwagen zum transport derselben anbietet. früher war auch er an der schäferstraße. es gibt ihn nun nahe dem postplatz. und auch – ein zufallstreffer – in briesnitz unterhalb der kirche. in der W wie wachsbleiche bleichte man übrigens das kerzenwachs, das heute bunt oder doch wieder naturbelassen sein soll. x, y, z – wär nett, aber wurde nicht verzeichnet…to be continued.

ein kurzschluss:

die friedrichstadt wird (hoffentlich) noch einige zeit das experimentierfeld sein, das sie ist. sie dient, sie umsorgt, sie behaust menschen in vielfältiger form. sie hat bereits eine qualität. nur die passt nicht in die bildvorstellungen vieler in dresden tätiger und lebhafter menschen.

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