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Abdruck SZ: Der gefühlte Wert der Leerstelle aus Sicht der Kulturschaffenden

Text: Sächsische Zeitung, Iris Hellmann (Abdruck aus der Presseschau Dresdner Elbtal)
Bild: Felix Liebig, 1. August 2012 (anlässlich des Besuches der Mediensafari beim Freiraum Elbtal e.V. und den Werk-Stadtpiraten e.V.)

Dies sollte jeder gelesen haben. Im Umkreis von friedrichstadtZentral, Treibhaus, Freiraum Elbtal, u.v.a.m stellt sich die Frage danach, was die Stadt Dresden nicht nur für ihr Kulturelles Erbe, sondern auch für ihren Kulturellen Nährboden tut? ist der gefühlte Wert der Leerstelle etwas, womit Kulturschaffende allein auf weiter Flur stehen in einer sich globalisierende Großstadt? Mit anderen Worten: Wann wird die Ressource Kultur in Dresden aufgebraucht sein? bzw. Werden wir in Zukunft mit kommerziell motivierter Kultur Vorlieb nehmen können? Mal ehrlich: Müssen wir nicht endlich Zähne zeigen?

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Sächsische Zeitung, Mittwoch, 26. September 2012

Künstler müssen Hafencity weichen

Von Iris Hellmann

Die Kündigung stellt den Verein vor die Frage: Wohin nun? Kreative haben es in Dresden immer schwerer, Räume zu finden.

Die Stimmung im Freiraum Elbtal ist gedrückt. Die rund 40 Vereinsmitglieder müssen das Grundstück an der Leipziger Straße33 zum Juni 2013 räumen. „Wir wussten, dass das Areal irgendwann für Wohnbebauung genutzt werden soll“, sagt die Vorsitzende Jaqueline Muth. Dennoch sind die Mitglieder traurig. Seit 2007 haben sie ungezählte unbezahlte Stunden Arbeit und rund 15000 Euro in das 12500Quadratmeter große Grundstück gesteckt und in eine „soziale, kulturelle und naturnahe Stadt-Oase“ verwandelt, wie sie es selbst beschreiben. Die etwa 20 Baracken, Hallen, Garagen und Gartenhäuschen instand gesetzt. Ateliers und Werkstätten eingerichtet, Workshops organisiert. Einen Versammlungsraum möbliert. Knapp 30 verschiedene Einzelprojekte sind entstanden, von der Badmintongruppe bis zur Lastenradbaugemeinschaft.

Das Gelände gehört einer Eigentümergemeinschaft – und zu dem Gebiet, das die Stadt als „Hafencity“ etablieren will. „Die Vermietung des Areals an den Verein Freiraum Elbtal stand von Anfang an unter der Prämisse, dass es sich nur um eine Zwischenlösung handelt“, teilte die Grundstücksverwaltung im Namen der Eigentümer mit. Die Firma Dresden Bau arbeitet derzeit in Abstimmung mit der Stadt an Vorschlägen für die künftige Nutzung. „In diesem Zusammenhang wurde die Kündigung ausgesprochen.“ Laut Dresden Bau-Geschäftsführerin Regine Töberich wird momentan geprüft, inwieweit das Gelände im Rahmen des Masterplans Hafencity bebaut werden kann. Platz für die Künstler ist darin nicht vorgesehen.

Besonders bitter ist das Aus für die offene Werkstatt der Werkstadtpiraten. Sie waren erst im Frühjahr vorigen Jahres aus der Friedrichstadt hierhergezogen, weil sie hier die Werkstatt zumindest heizen konnten und fließendes Wasser hatten, für rund 70 Euro im Monat plus Nebenkosten. Jetzt ist das alte Areal vermietet, es gibt keinen Weg zurück.

So geht es vielen im Freiraum Elbtal. Nun werden sie alle ihre freie Zeit weniger mit Kunst, sondern vor allem damit verbringen, einen neuen Standort zu finden. „Wir sind gerade dabei, Informationen zu sammeln und unsere Chancen zu prüfen“, sagt Vereinsmitglied Alexander Bareiß. Doch die Aussichten seien schlecht. „Die Frage ist auch, ob sich so ein soziales Gefüge verpflanzen lässt. Und wo in der Stadt Raum für Kunst und Kreative bleibt.“

Mit dieser Frage ist der Verein nicht allein. Ateliers, Probenräume, Studios und Werkstätten, gut erreichbar, zentrumsnah, und günstig – das suchen viele Künstler und Kulturschaffende, weiß Christin Ehresmann. Sie koordiniert für die Drewag die Vermietung von Gewerbe- und Büroflächen, zum Beispiel auf dem Drewag-Gelände Lößnitzstraße. „Der Bedarf ist groß, leider muss ich immer wieder Absagen erteilen, denn im Moment ist alles voll“, sagt sie. Und auch hier steht langfristig eine Wohnbebauung des Areals bevor.

Die jungen Künstler fühlen sich alleingelassen, vor allem von der Stadt und von der Politik. Dabei gibt es durchaus Unterstützung. So wollten die Grünen von der Verwaltung ein Konzept für kulturelle Zwischennutzung von Brachen einfordern. Doch der Stadtrat lehnte den Antrag Anfang September mehrheitlich ab.

Immerhin bleibt bis Juni 2013 noch viel Zeit für die Suche, mehr als die vertraglich vereinbarten sechs Monate Kündigungsfrist. Jaqueline Muth und ihre Mitstreiter wollen die Hoffnung nicht aufgeben. Am 6. Oktober laden sie noch einmal zum Herbstfest auf dem Gelände ein. Christin Ehresmann kann zumindest ein bisschen Mut machen: „Im geplanten Kulturkraftwerk Mitte sollen Räume für die Kreativwirtschaft geschaffen werden“, sagt sie. Möglicher Einzugstermin: Herbst 2013.

Die Hafencity ist Thema des heutigen Stadtspaziergangs durch die Leipziger Vorstadt. Er beginnt 17 Uhr. Anmeldung unter 4883541.

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