haifische beißen zu

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fotos: felix liebig – 3. juni 2012

„hai!“

„wo?“

der bekannte sogenannte freiluftkunstraum der „haifische“ zwischen bienertmühle und felsenkeller in dresden-plauen wurde auch dieses jahr wieder „besetzt“. die zunehmend feuchte stimmung des tages vermittelte einen ungefähren eindruck in welcher ursuppe hier einst die haifische ihre altersschwachen zähne verloren, damit sie jahrtausende später von freudigen spaziergängern der neuzeit gefunden würden.

„luftbad“

steht auf einem schild ganz oben auf der clippe über dem späteren ratssteinbruch auf dem weg ins freital.

die pittoreske szenerie an diesem sonntag an und auf der hegereiterbrücke und dem wehr samt kleiner wasserkraftanlage erzählt unter umständen mehr als die weithin bekannte und angesehene kunsthistorikerin susanne altmann. aber eine kunstausstellung, auch im öffentlichen raum, benötigt eine laudatio. der rest des nachmittags spricht für sich selbst. nicht minder die kunstwerke. der lebendige plauensch’e grund auf zwei beinen, die ausgrenzung das „hyd invest“-käfigs gleich neben dem ingrid-biedenkopf-invest-tunnel oder das „geograffiti“, das dann doch nicht so geologisch sensibel wie vielleicht zu erwarten mit den malerischen zeitschichten auf der wand unter der s-bahn-brücke umgeht.

ein sinnbild:

einst kamen maler und gelehrte und erspähten sich den damals noch „plauischen grund“ benannten taleinschnitt mit biedermeierlichen augen. sahen und taten ihn zu einer neuen form. dann kamen die industriellen, von denen die bienerts zu den größten zählten, weil sie selbst dem könig sein wasser und sein mehl brachten, und bauten ihre anlagen. wiewohl förderten sie nicht nur produkte, sondern auch die kunst – die sie mochten. und heute, nachdem herr hoffmann das grundstück erwarb und sich sonntags sogar höchstselbst, wenn auch qualvoll lächelnd, an den tresen zum verkauf der wirklich hervorragenden torten stellt, überpinselt ein künstler die freilich illegalen graffitis einer ganzen generation von sprühern ebenso beflissen wie damals die falschen bäume oder falschen künstler eben nicht weiterwachsen sollten.

hust.

schön ist es hier vor allem, weil die stete unruhe der natur es nicht langweilig werden lässt. der spielplatz der künstler ist nett. aber er kommt und vergeht wieder. so wiederfuhr es – durchaus geplant – der „sunken street“ der umtriebigen und gut vernetzten künstlerin anke binnewerk in der weißeritz. dafür türmen sich hier nun andere steine.

tud I

fotos: felix liebig, 3. märz 2012

vorweg: so menschenleer wie auf den bildern ist die tu dresden nicht. schon gar nicht in der woche und schon gar nicht außerhalb der semesterferien. vielmehr zeugen alle dinge dort auch jetzt vom menschen und seinem tun.

getreu und frei nach dem motto „tue gutes und sprich darüber“ tut die tud allerhand um ihr image zu entwickeln und eine excellente universität zu werden. ja! bzw. „¥€S“ schreibt direkt vor der neuen mensa die boston conculting group (bcg) auf ein plakat, und addiert den claim „grow further“. (den dollar kennt mein browser aus unerfindlichen gründen nicht.) ich aber kenne die boston consulting group und finde das zitat geradezu paradox in unserer zeit der be- und verschränkungen; gerade im bereich sozialen, also nicht technisierbaren wissens- und informationsaustausches. mehr studenten wird es auch weiterhin geben, weil es kaum einen flachen bildungsweg mehr gibt, sondern bald nur noch den höheren, und damit auch von keiner (wissens)agentur auf der welt mehr geld zu verdienen ist. wissensspekulation ist nötig. hier setzt die excellence-initiative an.

ich meine, die tu dresden ist schon excellent, braucht also kein neues „dresden concept“ gleich oben rechts auf der startseite, denn sie weiß um ihre qualitäten nur nicht, weil sie – ich bitte um vergebung – betriebsblind ist. auf dem spaziergang sind auch deshalb 103 aussagekräftige fotos entstanden, weil spazierengehen in bildsequenzen verläuft und das für_wahr_nimmt, was da ist und mit dem gewebe des materialisierten nicht irgendwo, sondern vor ort spekuliert. mancherorts sind es sogar beinahe cinematografische bildfolgen als verweis auf mögliches. die tud hat viel zu bieten. ick kieke, staune, wundre mir. und verfalle auf berlin und walter benjamin (wiki), der ja ein künstler im textlichen aufbereiten von bildsequenzen war. denkbilder. wissen_schafft_denkräume.

was in der tu dresden zu denken gibt und als bild wirkt, sind z.b. in der nachschau die container. die blauen. klar. aber auch die beiden sandsteinfarbenen. die slub. doch während die letzten wissen beherbergen bzw. die menschen, die man nicht sieht, die aber im namen der sächsischen landes- und universtitätsbibliothek dieses wissen zugänglich machen – ich kenne selbst einige – beherbergen die blauen container nichts. sie proklamieren nur sinnsprüche der excellence-kampagne. hier und da steht innen ein tisch mit stühlen. klaustrophobisch. entsteht so wissen? ist excellent, was gleichmacht? ich fühle mich an die kunst erinnert, die unzählige gleichanmutende männer um einen langen (konferenz)tisch sitzen lässt. einmütig. der künstler und das werk sind mir entfallen.

wie wissen wirklich entsteht ist in den fotos sicher auch zu sehen. nämlich in der überlagerung unterschiedlicher reize, die auf uns wirken mit bildern, die wir schon haben. und das geschieht immer im raum. der raum wirkt und wir wirken auf den raum. der raum ist sinnlich und sinngebend. jemand, der sich in den weiteren recherchen als experte für sinn(es)räume erweist, ist jörg rainer noennig, juniorprofessor für wissensarchitekuren an der fakultät architektur. unter anderem in einer garage lässt sich wissen durchaus besser als in einem schicken container vermitteln. die reihe „undsonstso“ bewies es mit der # 1.

dass die tu dresden blaue container des multinationalen konzerns bilfinger/berger aufstellt anstatt meinetwegen von excellenten studenten oder künstlern blau angemalte räume zugänglich zu machen, verwundert, weil sie so reich an unterschiedlichen räumen und raumstrukturen ist, dass sie allein dadurch excellent sein kann. nur leider ist wissen immernoch zunächst einmal ein plakatives marktinstrument, das geld kosten muss und nicht das, was es ist, nämlich ein fluidum aus realem raum und gedankenraum, den man mit ein wenig blauer farbe sichtbar machen kann. ein „realer raummarker“. für die tu dresden. symphatisch. man denke nur an den barkhausenbau oder den von mir selbst erlebten försterbau mit ihren zum verlaufen vielfältigen raumfolgen, winkeln und nischen, in denen alles passieren kann. diese konglomerate des raumwissens ganzer studenten- und mitarbeitergenerationen.

apropos generationen: auch das logo der tu dresden wird ja gern auf’s korn genommen, oder wird selbst zur kimme oder zum korn – je nach lesart – in der stele von jürgen schieferdecker am unteren ende des zelleschen weges. dort verräumlicht sich das buchstabenpaar sogar. im gegenwärtigen design „flirrt“ es vielen zu sehr. am heinz-schönfeld-hörsaal aber ist eine ältere generation des logos aus den vermutlich 60er jahren zu sehen, die erstaunliche anklänge an heutige bekannte bilder wie barcodes mitbringt und in sachen figur-grund-phänomene klarer als das heutige logo erscheint. ein vergessenes logo – ein vergessener ort?

ich kann nur hoffen, dass die tu dresden die chance erkennt mit der wissen_schaffenden excellence auch kritisch-kreative künstlerische excellence zu fördern, sich eben nicht selbst zu vergessen, sondern sichtweisen auf den campus zu eröffnen, die dem klische der technischen universität das narrativ der sozialen und kulturellen universität gegenüberstellen. was zwischen den zeilen steht kann beim lesen auch mal gut tun. t-u-n. t-u-d. tut nicht weh. oh doch, tat auch weh, z.b. im dritten reich. aber dazu anderer stelle mehr. z.b. dem hannah-arendt-institut für totalitarismusforschung und der stiftung sächsische gedenkstätten mit der gedenkstätte münchner platz.

deshalb, weil nämlich die geschichten und raumerinnerungen der menschen die zeilen liefern, zwischen denen ich meine mehr zu lesen als zwischen den kubisch-technokratischen äußerungen excellenten stahlbaus, gehe ich am 24. märz ab 14 uhr mit jedem interessierten auf campussp!onage.

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görlitz / zgorzelec ostwind

fotos: felix liebig, 12. februar 2012

nach liberec unternahm der kutlur!ngenieur mit gastgeber michael winter am sonntag eine wanderung entlang der neisse richtung süden durch das neisseviadukt und dann landeinwärts am „roten fluss“ wieder hinein nach zgorzelec.

zur urbanen ästhetik hier die eindrucksvollen fotos einer reportage auf dem blog „halbrundes zimmer“.

die folge der eindrücke erklärt in der subjektiven sicht und unter geleit des ortskundigen recht gut das grenzphänomen. ein fluss bildet eine grenze, die beiderseits überschritten, verklärt und doch immer spürbar wird. neben naturphänomenen aus jahreszeittypischem eis, stehen direkt kulturphänomene wie das neisseviadukt, ohne das die bizarren eisskulpturen á la hans christian andersens märchen von der „schneekönigin“ gar nicht denkbar wären.

weiter unten bedeckt der zarte schnee und das eis kulturbrüche ganz anderer art, die hier und heute nur durch ein verworrenes und doch lesbares schild aufbrachen. spuren von militär. auch im wald, wo schießbahnen und reste von wehrbauten nur noch als regelhafte struktur im gelände erkennbar sind. sogar die pfadfinder (?) haben ihre spuren hinterlassen. weiter hinten ist ein ehemaliges kasernengelände nun fast vollständig überformt. den architektonischen clou des privaten umbaus von kraftwagenhallen erkennt mensch nur noch an wenigen hinterbliebenen hallentoren. dort umso eindrücklicher.

dann folgen langsam und allmählich polnische eigenheiten in der urbanen landschaft, die einen kontrast zur bekannten situation in deutschland bilden. vieles ist informeller. werbung ist eigenständiger. aber auch wilder. häuser sind mitunter bunter oder auch nur kontrastreicher im nebeneinander. noch ein wenig offensichtlicher werden architektonische träume von arkadien gepflegt. neben der oft spürbaren abgrenzung gegenüber dem grenzübergreifenden kriminalkapital, stehen denkbar offene höfe und parks. hier wird noch (immer) probiert. das ist gut. das bewegt. zwei bänke laden zum gespräch. das beruhigt.

vielleicht sah es in ostdeutschland vor 20 jahren auch so aus? was ist anders?

natürlich gibt es wirklich einige eigenheiten hier auf polnischer seite. aber das ist ja das eindrucksvolle. hier knüpfen die augen und der kopf zuerst an. plötzlich scheint europa ein gesicht zu haben. mensch muss den stein im park des dom kulturi nur aus dem richtigen winkel ansehen. und erst mit dem weg hinunter zurück an die neisse am polnischen ufer wird es wieder für deutsche sehgewohnheiten ausgeglichener. häuser sind in ihren farbtönen wohlproportioniert. die straßen werden mit eu-mitteln hergerichtet. eine schiere idylle im angesicht des deutschen ufers gegenüber. auch schön.

das gesamtbild und die eigenständigkeit beider kulturen ergeben sich dennoch erst aus der zusammenschau. die stadt, das haus, die menschen sind das gesicht einer kultur. gzg steht bei mir für das allmähliche verschmelzen zweier kulturen, die einst eins waren und nun unterschiedliche sichten auf die welt gefunden haben. zwei lange getrennte geschwister, die erst langsam zusammenfinden. mit der zeit verblendet man die brüche und wunden, aber sind sie dadurch verschwunden? man findet sie noch immer. auch ganz vorne, wenn man zwischen den zeilen liest. der roman „ostwind“ des genialen autors august scholtis kann auch heute noch aufschluss geben über die gesichter dieses zwischenlandes, über die metaphern des übergangs, die alltagsbilder der menschen im aneignen der großen politischen und kulturellen ströme.

wie die neisse fließen diese ab und zu unsichtbar unter dem eis. der brücke des winters. nur die enten haben es da leichter! die machen schon lange gemeinsame sache.

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L.E.

fotos: felix liebig, 14. februar 2012

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ein mehrtägiger kulturspaziergang in leipzig.

aus lindenau sicht, von einem sozialen umfeld kreativer unternehmergeister aus und mit blick von einer veranda gleich am straßenbahnhof angerbrücke erschließt sich leipzig als ort konstruktiver spinnerei mit einem lebendigen urbanen narrativ. hier wurde ich wunderbar aufgehoben von einer modedesignerin, einer künstlerin und einer theater- und filmwissenschaftlerin.

warum genau sich leipzig gern als L.E. tituliert weiß ich bisher nicht. gewiss liegt es nahe. eine mögliche referenz auch aus meiner perspektive auf stadt liegt natürlich in L.A., los angeles im westen der usa. ob leipzig über die lautsprachliche ähnlichkeit hinaus eine himmlische stadt ist, bleibt fraglich. meine gastgeberin „liebt“ leipzig ausdrücklich, als zugezogene. auf der karl-heine-straße gibt es an einer fassade eine passende lichtinstallation „liebe“ neben anderen auf anderen fassaden wie „glück“. dazu ein link zum „hohen wort“ über das quartiersmanagement (qm) leipziger westen.

ein engel ist auch die freundin nur soviel wie sie ein teufelchen ist. und das ist gut so. im literarischen kontext gibt es eine weitere referenz. soeben halte ich das buch von christa wolf „stadt der engel oder the overcoat of dr. freud“ in händen. die autorin hinterfragt das glorreiche amerikanische bild der eroberung der welt mit der tiefsinnigkeit und vergangenheit einer deutschen geschichte in ihrem scheitern an der welt. dr. freud wirft seinen wenig engelshaften mantel über das heere bild…

wieviel mythos hat L.A.? welchen mythos hat L.E.?

soviel spinnerei muss sein. von lindenau und plagwitz aus haben menschen wie karl heine und die vielen arbeiter in den fabriken der industrialisierung zu ihrem heutigen mythos verholfen. auch meine mutter hat noch als studentin in der leipziger baumwollspinnerei der 60er jahre für ein nebenverdienst spulen gesteckt. der künstler maix mayer war 2011 auf den spuren der abbaugebiete der leipziger baumwollspinnerei in „deutsch-ostafrika“ im heutigen tansania auf einen (baobab)baum und einen wasserturm gestoßen, sonst nichts. zwei symbole, je eines für natur und kultur, erzählen noch von der kolonialisierung, auf deren rücken auch leipzig prosperierte. der rest ist vergangen und von den zeitläuften überholt. die arbeit „cine afrique“ dazu ist derzeit im „archiv massiv“ der spinnerei zu sehen. in einem bildband von marc mielzarjewicz namens „lost places“ sind viele der anderen industriestandorte im leipziger süden und westen abgelichtet und erfreuen sich im reellen kulturellen bewusstsein auch über geocaching, location scouting und urban exploration usw. anhaltender beliebtheit. hier die website des autors. und hier ein weiterer link zu der sehenswerten filmdokumentation „lost place L.E.“ von enno seifried. die lost places sind heute wie auch die arbeiterhäuser der gründerzeit kulturkerne einer als kreativwirtschaft bezeichneten gemengelage von kulturarbeitern, denen die stadt raumsoziologische bedingung ihres daseins ist. der dokufilm hat sich übrigens über das crowdfunding finanziert. L.E. ist allerdings kein lost place.

der spaziergang bringt so zunächst phänomenologische, also stadtanatomische eigenheiten ans licht, erst später in gesprächen und recherche erschließen sich dahinterliegende komplexe. dr. freud lässt grüßen. gründerzeit ist in leipzig vordergründig nichts anderes als z.b. in görlitz, wo ich zuletzt war. wie dort gibt es in leipzig neben prachtvoll sanierten und liebevoll gehegten bauten die vielen hohlen zähne. den leerstand. die winkel und nischen. die blau, grün und im bau bereits silbern verkleideten altbauten. und natürlich kulturelle ein- und aufschlüsse aus allen epochen. und auch die menschen in diesen räumen. besagte gastgeberin ist von der architektur in die mode gewechselt und arbeitet derzeit unter dem label „made by yve„. leipzig bildet womöglich das architektonische sinnbild dafür als urbanen hintergrund ab:

dr. freuds mantel oder des kaisers neue kleider?

man weiß es nicht. wohl weiß mensch, dass darin nicht nur unter dem dach der „wächterhäuser“ experimentierraum liegt. ob mit kunstprojekten wie „kollektion lindenau“ der künstler maix mayer und stefan rettich (link über die stadt) oder mit der „vleischerei„, wo es „vöner“ gibt, oder mit der „skorbut“, einer art off-pub auf der dreilindenstraße 1 gleich gegenüber der ebenso zeitgenössischen kaufland-baustelle oder oder oder. die skorbut ist übrigens eine alte vitamin-mangel-krankeit, die schon die ägypter kannten … (unabhängige) kultur will sinnvoll genährt werden.

so liest sich die stadt leipzig von lindenau aus tatsächlich wie mit den „eselsohren der stadt“, die peter wawerzinek in seinem buch „das kind das ich war“ in konträren mecklenburg-ländlichen kontext beschreibt. an neuralgischen punkten knickt das urbane fluidum der häuser um und eröffnet einblicke, durchblicke, ausblicke: eine poesie der stadt, in der die menschen die hauptrolle und ihre kreativität die dramaturgie spielen und viele von ihnen ihre lebensnarrative entwickeln. ein inkubator. jene freundin arbeitet über dem „neuen schauspiel“ in einer ehem. druckerei im hinterhof der lützner straße 29, wo mitstreiter der „hackstatt“ am eigenen stammtisch bei meinem atelierbesuch gerade über die einrichtung eines „fab lab“ diskutieren oder andere mit dem pinsel und viel terpentin in der luft ihrer malerei nachgehen. hier wird geschichte gemacht und nicht soviel über geschichte geredet.

das scheint mir als gast der entscheidende unterschied zwischen dresden und leipzig.

der passende soundtrack könnte textlich von der band „fehlfarben“ im titel „ein jahr (es geht voran)“ kommen, ist aber geschichtlich differenzierter belegt. christa wolf arbeitet im genannten buch ein ereignis in ihrer lebenszeit literarisch auf, das exemplarischer mein ansinnen darstellt: vom „virus der menschenverachtung“ ist die rede. dieses aufarbeiten und dessen zeitgenössische formalisierung in medien und politik in dresden zum 13. und auch 18.2. war ein grund für meine temporäre ‚ausreise‘, wenngleich das thema dennoch im raum lag und liegt und in vielen gesprächen beschäftigt. die perspektive von L.E. aus war hier hilfreich. in leipzig steht im stadtmagazin kreuzer (ausgabe 2/2012) dafür mit klaren worten die haltung der protagonisten zum rechtsradikalismus. öffentlich, ohne druckserei. und das ist im stadtraum nachvollziehbar. es wird gesagt wo und mit wem es probleme gibt. offen. kein freud’scher versprecher, sondern tacheles in der jetztzeit. geschichte ist hier lebendig, alltäglich, aber kein doghma, keine projektion, meine ich.

vergangenes ist teil des jetzt. in L.E. – vielleicht doch eher dem recht vitalen westen von leipzig – fängt stadt jeden tag neu an ist mein eindruck. neben der gründerzeit sprießt das einfamilienhausidyll. schulter an schulter. gleich dahinter grassiert die industrieruine. dazwischen drängeln sich nun kreativwirtschafter und die ausdauernden hausbesetzer. ein lob auf die vielfalt. „ort der vielfalt“ will leipzig sein und schreibt es an jedem kulturellen ort der kommune auf eine plakette. eigentlich gibt es neben dem rechtsradikalen und rechtspopulistischen gedankengut und den offenkundigen gründen dafür hier gar nichts zu beklagen. eigentlich. wenn da nicht ein schwerwiegender komplex wäre:

geht mensch auf seinem kulturspaziergang gleich hinter der spinnerei in die kleinen straßen mit den kleinen häusern, empfängt ihn bedrückend biedere aura. freiheit Aushalten! heißt hier wie überall selbstverständlich „Ausfahrt freihalten!“. das private wird zähnefletschend und symbolüberladen verteidigt. jedem seine kleine welt aus haus und garten und eine digitale flatrate und einen flughafen mit direktanschluss für die große welt. was privatheit, globale flatrate und flughafen miteinander zu tun haben, erörterten auf dem performance-festival „aus flug hafen sicht“ 2008 die künstler jan caspers, anne könig, vera tollmann, jan wenzel in ihrer arbeit „was du wissen solltest (die zukunft)“. leipzig schlägt nicht nur pakete und urlauber um, auch soldaten. fragen sollte man besser nicht stellen und seine nuegier auch zurückhalten. was das vor ort heißt: beim fotografieren werde ich von einem bahnmitarbeiter – station plagwitz ist nebenan – mit bierseeliger stimme gefragt, wofür ich das mache. auf die antwort es sei für mich, kommt die obligatorische nachhut das sei „privatbesitz“. wie eigentlich alles heutzutage, kontere ich lakonisch und fotografiere an der nächsten straßenecke einen spionierenden gartenzwerg mit fernglas über einer buchsbaumhecke hinter zackigem zaun. dr. freud würde sich vielleicht die haare ausraufen an diesen patienten einer kruden kultur, in der menschenverachtung nicht mehr von menschen selbst, sondern den ihnen unter die füße geschobenen sogenannten gesetzmäßigkeiten des (kapitalisitischen) lebens geäußert wird, ergo nicht mehr hinterfragbar oder denn an- oder auch nur begreifbar ist. an anderer stelle bricht es aus einem ateliernutzer heraus: „demokratie ist eigentlich auch faschismus.“ nun, ich würde zumindest auf die totalität des kapitals in vielen lebenslagen und seine zugrundeliegende mechanik verweisen und fragen:

wo sind die echten freiräume für menschen, wenn alles besessen wird und jedes hoftor als symbol dem territorialwahn angedient werden muss? kann sich leipzig die janusköpfigkeit aus zivilem und militärischem handel als ort der vielfalt leisten?

unabhängig von den abgründen der handels- und kaufmannsstadt beeindruckt in L.E. als kosmos weniger die urbane als vielmehr die kulturelle dichte und macht doch mut. global- steht neben lokalbewusstsein. leipzig steht im kräftespiel aus tradiertem handel und new trade. nun verstehe ich die modebegeisterte freundin und ihre „liebe“ zu leipzig. städtebaulich ist hier viel raum, manchmal zuviel, ab und zu sicher auch zuwenig. literarisch, historisch, künstlerisch, unternehmerisch, architektonisch gibt es viele ansatzpunkte für die leipziger freiheit. beides bedingt sich. bestimmt auch in den „höfen am brühl„, die von der „blechbüchse“ vorübergehend zum „hochbunker“ mutieren und urbanität in die kulisse der privatwirtschaftlichen zweckarchitektur verlagern. oder in der doch irgendwie fortschreitenden – darf ich es sagen? – gentrifidingsbums wie christoph twickel es mit seinem buch „GENTRIFIDINGSBUMS oder eine stadt für alle“ nennen würde, deren prozesse auch ich schon seit fünf jahren und aus erzählungen viel früher am beispiel L.E. wahrnehme. leipzigs baubürgermeister martin zur nedden findet das alles im kreuzer-interview ‚gut‘ und ’notwendig‘. das muss er kraft seines amtes. meine gastgeber, z.t. zugereiste, finden das alles erstmal normal und haben einen viel selbstverständlicheren blick darauf als einige weniger weit gereiste einheimische. sie lassen dennoch (notwendige) kritische fragen zu. etwa nach dem gefühl der mitwirkung bei vielem, das im stadtteil aufgrund der konsumptorischen notwendigkeiten geplant und gebaut wird. wohlan: alle haben auf ihre weise recht.

hier bin ich nur noch zaungast. wichtig finde ich trotzallem, wäre die interaktion.

mich deucht in L.E. hier wie da und dort das gefühl des aufgehobenseins in einer nachbarschaft, einer haus- oder ateliergemeinschaft, vielleicht auch einer gedankengemeinschaft oder auch nur einer wg oder partei. L.E. scheint vielmehr ein mikrokosmos im leipziger süd-westen zu sein, eine urban-kulturelle anatomie der intermediarität, eine soziale wohnzimmergemeinschaft, die als solches in ihren strukturen, ihrer vielfalt, ihrem fluidum und ihrem sozial-urbanenen narrativ unbedingt erhaltenswert scheint. ein bewusstsein für das dazwischen, für die poesie, die sieht, wer sich z.b. mit dem geocaching im transitraum zwischen lebendiger stadt und lost places gleich nebenan bewegt. oder mit aller gelassenheit und neugier spazieren geht und hinsieht, genau hinsieht und beschreibt. siegfried kracauer und walter benjamin sind die literarischen passanten der moderne gewesen, stehen pate. lucius burgkhardt war es in der postmoderne und begründete die spaziergangswissenschaften. bertram weisshaar oder boris sieverts sind es heute. ersterer lebt in leipzig. mit seinem „atelier latent“ findet er nicht nur hier genug stoff. letzterer ist in köln unterwegs und erkundet stadt, raum und umland mit dem „büro für städtereisen„.

solcherlei urbane narrative möchte der kultur!ngenieur weiter in das bewusstsein der entdeckungslustigen rücken. mit oder ohne freud. engel oder teufel. L.E. hat hier viel zu bieten und versteckt sich im gegensatz zu dresden keineswegs hinter dr. freuds mantel.

landflucht

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fotos: felix liebig, 8. februar 2012

ein ausflug ins hinterland nach schwerin. ich kenne eine kostümbildnerin dort und nutze die gelegenheit des besuchs zu einer fahrt mit bahn.

zwischen bad doberan und wismar legt die bahn einen querschnitt durch die hinterlandschaft, der es mir antut. ich greife auf diesem abschnitt zur kamera um den querschnitt aus dem rechten seitenfenster zu dokumentieren. wie oft bin ich diese strecke mit dem auto gefahren. die b 105 ist hin und wieder sichtbar. dann fahren bahn und auto um die wette. auch diesmal sollte es fast das auto sein, doch ich entscheide mich dagegen und für die freiheit und sozialität der geräumigen bahntriebwagen – bzw. die umstände des wetters und soeben geführter gespräche über die „nutzlosigkeit“ des automobils lassen es zu. vielleicht zweimal in meinem leben bin ich mit der bahn diese strecke gefahren. in meiner heimat – wobei: eigentlich nur deren hinterland, denn das meer ist immer schon attraktiver, auffangender als heimat.

hätte ich gewusst, was kommt…

kulturgeologie findet hier also als querschnitt statt. aus der bahn sieht mensch die gesellschaft von hinten. anschüttungen und abtragungen zugunsten des ebenmäßigen bahnprofils erlauben ein- und durchblicke in mensch-zeit-raum-schichtungen. die kulturtechnik besteht im durchmessen dieser schichtungen als integration über die zeit. albert einstein hätte seine freude daran. die langsamkeit des zuges ist seine schnelligkeit. bilder verschmelzen fast, aber eben nur fast und lassen dem betrachter interpretationsbrücken. die landschaft um den zug ist ein (auf)zug von orten und begebenheiten. daran wiederum hätte august der starke sein freude gehabt. ortstypisches kulturgut, menschen, bahnhöfe, windräder reihen sich auf zu einem ausgerollten panorama mecklenburgischer ruralität. in echtzeit! wo ist ein notorisch geschichtsrevisionistischer jadegar assisi, wo ein (nicht ganz) realsozialistischer werner tübke? es beginnt mit einem sportplatz. hier bin ich mehr als ein paar mal um die wette mit anderen und um medaillen gelaufen. dahinter in einer baracke die ehemalige sportmedizin. dort wurde mir exakt mein wachstum vorrausgesagt. wenn das jemand mit unserer gesellschaft täte, würden wir nicht soviel darüber spekulieren, sondern einfach machen. das wäre ein feiner zug von uns allen für uns alle. aber zurück zum zug: an selbiger stelle brachte sich auch ein mann zu meiner kinderzeit um. er legte sich in der kurve vor den zug. die landschaft nimmt all das an. unter weißen schneedecken werden vom pflug gerundete berge immaterielle gebilde vor einem ebenso schneeweißen end- und zeitlosen wolkenhorizont. wir durchscheiden diese mit einem technischen hilfmittel. dazwischen bräunliche gebüsche und ackerpfurchen, auch kiefernhaine. wir durchschneiden auch diese. ab und an heutzutage bunt eingepackte häuser, orangefarbene straßenschilder, zumeist leere bahnhofsbauten aus dem tradierten roten ziegel des nordens. dazwischen grüßen weiß auf preussischem (?) blau die uniformen ausstattungsmerkmale der bahn auf ihren höfen. hier kommen sich bahn und (kultur)landschaft am nächsten: eine trittstufe fährt beim türöffnen aus dem zug bis auf zentimeter genau an die bahnsteigkante, damit sich die bahn die als europäisches kulturgut verinnerlichte ansage sparen kann „please mind the gap between platform and train“. soweit weg ist die landschaft also gar nicht. wenn mensch aussteigt. so schaue ich in die ferne und wundere mich über die nähe. erst kurz vor wismar wehen hinter den erdwällen, über deren zenith die dächer und flaggen der neuen gesellschaftlichen mitte kaum hinwegsehen können, die fahnen der immernoch erhabeneren schlote der fabriken. sie sind noch nicht für die mobilfunktelefonie tertiarisiert worden.

inspiriert ist insbesondere der schräge blick durch das fenster von dem englischen künstler john newling, der 2009 eine ähnliche herangehensweise in einer gedruckten arbeit integrierte. als soundtrack zu der fahrt ergab sich die musik der platte „sool“ von ellen allien. deren feine minimaltechnoide klänge gingen einher mit dem quietschen einiger gummis des triebwagens und vermischten sich mit verschiedenen anderen geräuschen der fahrt.

es kam noch anders.

irgendwo im nirgendwo zwischen wismar und kalsow liegt hornstorf. auf der rückfahrt überhöre ich ob meiner musik die ansage, dass der zugführer ein wildschwein überfahren habe und nun techniker und notfallmanager auf dem weg seien. geschlagene aber entspannte zwei stunden später stolpern die fast durchweg sehr jungen passagiere über den am morgen noch fotografierten acker zum bus. zurück bleibt ein zug in der landschaft. leuchtend im dunkel der nacht. entleert, fragil nun im weiten nichts. ein wildschwein hat ihn zur strecke gebracht. adieu. nun also doch das auto, die b 105. die alte sitte. die landschaft verschwindet im dunkel aus nacht und geschwindigkeit. sichtbar wird erst wieder die stadt.