IG Freiraum: Leerstellen!nventur

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Text & Slideshow vom 28. November 2012: Felix Liebig

Was einmal gut ist, wird beim nächsten mal besser – der Kultur!ngenieur hält den erfolgreichen Vortrag „Leerstellen!nventur“ gleich nochmal:

Treffen der IG FREIRAUM

Die eben gegründete Interessengemeinschaft für unkommerzielle Freiräume trifft sich erneut 16. Dezember 2012 um 14.00 Uhr im Stadtteilhaus Äußere Neustadt um ihre weiteren Geschicke zu planen. Der Kultur!ngenieur unterstützt das mit einem Input-Vortrag.

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Leerstelleninventur – kulturingenieur.com – Felix Liebig

freiheit Aushalten! – Wie bitte? Der Kultur!ngenieur erarbeitet und verarbeitet raumbezogene Kulturkonzepte mit menschlichem Maßstab. Er betreibt Raum-Bildung für und mit all denjenigen, die nicht über die üblichen Ressourcen verfügen Raum mitzugestalten. Zwischen der von ihm verfassten Themenklammer „Der gefühlte Wert der [ ] – Dresden aus der Sicht des Spaziergängers“ in # CYNAL 01 und einer Tagung zur alternativen Raumnutzung Anfang Mai 2013 spannt sich der thematische Rahmen der kollaborativen Raumproduktion. Leerstellen laden ein zum Gestalten. Sie finden sich überall im Netzwerk der Stadtentwicklung. Am Beispiel Dresden zeigt Felix Liebig die Zukunftspotentiale und dazu passenden Kulturtechniken.

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Mit in der IG bisher:

1. louisenkombinaht
2. kukulida e.v.
3. staufenberger 11-hausprojekt
4. werk.stadt.laden löbtau
5. freiraum elbtal e.v.
6. lastenrad kollektiv
7. riesa efau
8. friedrichstadtZentral e.v.
9. werk stadtpiraten e.v.
10. hausprojekt 2
11. repair caffee
12. ufer projekte e.v. gemeinschafts garten
13. transition town
14. pro pieschen e.v.
15. hufewiesen trachau e.v.
16. liubitwa e.v.
17. raddix
18. kosmotique betreiberinnen kollektiv
19. wums e.v.
20. haushalten dresden e.v.
21. gemeinschaftsgarten löbtau
22. casabunta e.v.
23. ikarus
24. radio ini dresden-coloradio
25. piraten partei
26. RM 16

Evoluzzer Social Bar: Leerstelleninventur

Texte: Vortragende, Zusammenstellung: Sören Rogoll, Quelle: Altes Wettbüro; Bild: Felix Liebig
Evoluzzer präsentiert:

SOCIAL BAR # 14

kurze Vorträge und persönlicher Austausch….am 28. November 2012 um 19.30 Uhr im Alten Wettbüro.
  • Cynal-neue Kunst im Dialog – K. Groß
  • Leerstelleninventur – Felix Liebig
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Thema 1:

Cynal – neue Kunst im Dialog – Katharina Groß – cynal.de –

„CYNAL – Neue Kunst im Dialog“ ist eine virtuelle und reale Plattform für zeitgenössische Kunst und interdisziplinäre Diskurskultur. Unter CYNAL.DE werden Termine aus Kunst und Kultur bekannt gegeben und somit öffnet sich der Zugang zur freie Szene Dresdens und Umgebung. Ein weiterer Fokus ist die Auseinandersetzung mit kritischen Fragestellungen aus Kunst und Wissenschaft. Diese werden in transdisziplinären Texten und den regelmäßig stattfindenden CYNAL- Salons verhandelt.
Das im Oktober 2012 erstmals erschienene Kunstjournal CYNAL #01 wurde teilweise über Crowndfunding finanziert. Über die Erfahrungen beim Aufbau der Plattform und der Erstellung sowie Finanzierung des Print-Magazins berichtet die Initiatorin Katharina Groß.

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Thema 2:

Leerstelleninventur – kulturingenieur.com – Felix Liebig

freiheit Aushalten! – Wie bitte? Der Kultur!ngenieur erarbeitet und verarbeitet raumbezogene Kulturkonzepte mit menschlichem Maßstab. Er betreibt Raum-Bildung für und mit all denjenigen, die nicht über die üblichen Ressourcen verfügen Raum mitzugestalten. Zwischen der von ihm verfassten Themenklammer „Der gefühlte Wert der [ ] – Dresden aus der Sicht des Spaziergängers“ in # CYNAL 01 und einer Tagung zur alternativen Raumnutzung Anfang Mai 2013 spannt sich der thematische Rahmen der kollaborativen Raumproduktion. Leerstellen laden ein zum Gestalten. Sie finden sich überall im Netzwerk der Stadtentwicklung. Am Beispiel Dresden zeigt Felix Liebig die Zukunftspotentiale und dazu passenden Kulturtechniken.

3.000 kultur!ngenieurtickets

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fotos & grafik: felix liebig

in der zweiten märzwoche kommen die ersten kultur!ngenieursticker!

fast ein gemischtes doppel im wortsinn: sticker & tickets. aber ein gemischtes doppel im inhaltlichen sinn.

die ständigen formate wohnzimmersp!onage und freiheit Aushalten! gibt es jetzt schon seit geraumer zeit, und sie ergänzen sich in ihrer konzeption: während das eine raum, zeit, mensch und thema statisch verbindet in der diskussion, tut es das andere dynamisch im spazierengehen. es ist also zeit für urbane öffentlichkeitsarbeit. es gibt sie nun als aufkleber im visitenkartenformat. vorne ein hübsches bild, hinten alle infos. zum rumzeigen, zum dran erinnern, zum hinkleben. wir machen 50/50. eintausendfünfhundert gehen an die wohnzimmersp!onage, ebensoviele gehen an freiheit Aushalten!

wer eines findet, der nutze es als fahrschein zu einer der veranstaltungen. mal sehen, was die dvb sagen?! oder er gebe es weiter. jemand freut sich drüber.

hier gleich noch die pdf’s dazu:

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görlitz / zgorzelec ostwind

fotos: felix liebig, 12. februar 2012

nach liberec unternahm der kutlur!ngenieur mit gastgeber michael winter am sonntag eine wanderung entlang der neisse richtung süden durch das neisseviadukt und dann landeinwärts am „roten fluss“ wieder hinein nach zgorzelec.

zur urbanen ästhetik hier die eindrucksvollen fotos einer reportage auf dem blog „halbrundes zimmer“.

die folge der eindrücke erklärt in der subjektiven sicht und unter geleit des ortskundigen recht gut das grenzphänomen. ein fluss bildet eine grenze, die beiderseits überschritten, verklärt und doch immer spürbar wird. neben naturphänomenen aus jahreszeittypischem eis, stehen direkt kulturphänomene wie das neisseviadukt, ohne das die bizarren eisskulpturen á la hans christian andersens märchen von der „schneekönigin“ gar nicht denkbar wären.

weiter unten bedeckt der zarte schnee und das eis kulturbrüche ganz anderer art, die hier und heute nur durch ein verworrenes und doch lesbares schild aufbrachen. spuren von militär. auch im wald, wo schießbahnen und reste von wehrbauten nur noch als regelhafte struktur im gelände erkennbar sind. sogar die pfadfinder (?) haben ihre spuren hinterlassen. weiter hinten ist ein ehemaliges kasernengelände nun fast vollständig überformt. den architektonischen clou des privaten umbaus von kraftwagenhallen erkennt mensch nur noch an wenigen hinterbliebenen hallentoren. dort umso eindrücklicher.

dann folgen langsam und allmählich polnische eigenheiten in der urbanen landschaft, die einen kontrast zur bekannten situation in deutschland bilden. vieles ist informeller. werbung ist eigenständiger. aber auch wilder. häuser sind mitunter bunter oder auch nur kontrastreicher im nebeneinander. noch ein wenig offensichtlicher werden architektonische träume von arkadien gepflegt. neben der oft spürbaren abgrenzung gegenüber dem grenzübergreifenden kriminalkapital, stehen denkbar offene höfe und parks. hier wird noch (immer) probiert. das ist gut. das bewegt. zwei bänke laden zum gespräch. das beruhigt.

vielleicht sah es in ostdeutschland vor 20 jahren auch so aus? was ist anders?

natürlich gibt es wirklich einige eigenheiten hier auf polnischer seite. aber das ist ja das eindrucksvolle. hier knüpfen die augen und der kopf zuerst an. plötzlich scheint europa ein gesicht zu haben. mensch muss den stein im park des dom kulturi nur aus dem richtigen winkel ansehen. und erst mit dem weg hinunter zurück an die neisse am polnischen ufer wird es wieder für deutsche sehgewohnheiten ausgeglichener. häuser sind in ihren farbtönen wohlproportioniert. die straßen werden mit eu-mitteln hergerichtet. eine schiere idylle im angesicht des deutschen ufers gegenüber. auch schön.

das gesamtbild und die eigenständigkeit beider kulturen ergeben sich dennoch erst aus der zusammenschau. die stadt, das haus, die menschen sind das gesicht einer kultur. gzg steht bei mir für das allmähliche verschmelzen zweier kulturen, die einst eins waren und nun unterschiedliche sichten auf die welt gefunden haben. zwei lange getrennte geschwister, die erst langsam zusammenfinden. mit der zeit verblendet man die brüche und wunden, aber sind sie dadurch verschwunden? man findet sie noch immer. auch ganz vorne, wenn man zwischen den zeilen liest. der roman „ostwind“ des genialen autors august scholtis kann auch heute noch aufschluss geben über die gesichter dieses zwischenlandes, über die metaphern des übergangs, die alltagsbilder der menschen im aneignen der großen politischen und kulturellen ströme.

wie die neisse fließen diese ab und zu unsichtbar unter dem eis. der brücke des winters. nur die enten haben es da leichter! die machen schon lange gemeinsame sache.

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L.E.

fotos: felix liebig, 14. februar 2012

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ein mehrtägiger kulturspaziergang in leipzig.

aus lindenau sicht, von einem sozialen umfeld kreativer unternehmergeister aus und mit blick von einer veranda gleich am straßenbahnhof angerbrücke erschließt sich leipzig als ort konstruktiver spinnerei mit einem lebendigen urbanen narrativ. hier wurde ich wunderbar aufgehoben von einer modedesignerin, einer künstlerin und einer theater- und filmwissenschaftlerin.

warum genau sich leipzig gern als L.E. tituliert weiß ich bisher nicht. gewiss liegt es nahe. eine mögliche referenz auch aus meiner perspektive auf stadt liegt natürlich in L.A., los angeles im westen der usa. ob leipzig über die lautsprachliche ähnlichkeit hinaus eine himmlische stadt ist, bleibt fraglich. meine gastgeberin „liebt“ leipzig ausdrücklich, als zugezogene. auf der karl-heine-straße gibt es an einer fassade eine passende lichtinstallation „liebe“ neben anderen auf anderen fassaden wie „glück“. dazu ein link zum „hohen wort“ über das quartiersmanagement (qm) leipziger westen.

ein engel ist auch die freundin nur soviel wie sie ein teufelchen ist. und das ist gut so. im literarischen kontext gibt es eine weitere referenz. soeben halte ich das buch von christa wolf „stadt der engel oder the overcoat of dr. freud“ in händen. die autorin hinterfragt das glorreiche amerikanische bild der eroberung der welt mit der tiefsinnigkeit und vergangenheit einer deutschen geschichte in ihrem scheitern an der welt. dr. freud wirft seinen wenig engelshaften mantel über das heere bild…

wieviel mythos hat L.A.? welchen mythos hat L.E.?

soviel spinnerei muss sein. von lindenau und plagwitz aus haben menschen wie karl heine und die vielen arbeiter in den fabriken der industrialisierung zu ihrem heutigen mythos verholfen. auch meine mutter hat noch als studentin in der leipziger baumwollspinnerei der 60er jahre für ein nebenverdienst spulen gesteckt. der künstler maix mayer war 2011 auf den spuren der abbaugebiete der leipziger baumwollspinnerei in „deutsch-ostafrika“ im heutigen tansania auf einen (baobab)baum und einen wasserturm gestoßen, sonst nichts. zwei symbole, je eines für natur und kultur, erzählen noch von der kolonialisierung, auf deren rücken auch leipzig prosperierte. der rest ist vergangen und von den zeitläuften überholt. die arbeit „cine afrique“ dazu ist derzeit im „archiv massiv“ der spinnerei zu sehen. in einem bildband von marc mielzarjewicz namens „lost places“ sind viele der anderen industriestandorte im leipziger süden und westen abgelichtet und erfreuen sich im reellen kulturellen bewusstsein auch über geocaching, location scouting und urban exploration usw. anhaltender beliebtheit. hier die website des autors. und hier ein weiterer link zu der sehenswerten filmdokumentation „lost place L.E.“ von enno seifried. die lost places sind heute wie auch die arbeiterhäuser der gründerzeit kulturkerne einer als kreativwirtschaft bezeichneten gemengelage von kulturarbeitern, denen die stadt raumsoziologische bedingung ihres daseins ist. der dokufilm hat sich übrigens über das crowdfunding finanziert. L.E. ist allerdings kein lost place.

der spaziergang bringt so zunächst phänomenologische, also stadtanatomische eigenheiten ans licht, erst später in gesprächen und recherche erschließen sich dahinterliegende komplexe. dr. freud lässt grüßen. gründerzeit ist in leipzig vordergründig nichts anderes als z.b. in görlitz, wo ich zuletzt war. wie dort gibt es in leipzig neben prachtvoll sanierten und liebevoll gehegten bauten die vielen hohlen zähne. den leerstand. die winkel und nischen. die blau, grün und im bau bereits silbern verkleideten altbauten. und natürlich kulturelle ein- und aufschlüsse aus allen epochen. und auch die menschen in diesen räumen. besagte gastgeberin ist von der architektur in die mode gewechselt und arbeitet derzeit unter dem label „made by yve„. leipzig bildet womöglich das architektonische sinnbild dafür als urbanen hintergrund ab:

dr. freuds mantel oder des kaisers neue kleider?

man weiß es nicht. wohl weiß mensch, dass darin nicht nur unter dem dach der „wächterhäuser“ experimentierraum liegt. ob mit kunstprojekten wie „kollektion lindenau“ der künstler maix mayer und stefan rettich (link über die stadt) oder mit der „vleischerei„, wo es „vöner“ gibt, oder mit der „skorbut“, einer art off-pub auf der dreilindenstraße 1 gleich gegenüber der ebenso zeitgenössischen kaufland-baustelle oder oder oder. die skorbut ist übrigens eine alte vitamin-mangel-krankeit, die schon die ägypter kannten … (unabhängige) kultur will sinnvoll genährt werden.

so liest sich die stadt leipzig von lindenau aus tatsächlich wie mit den „eselsohren der stadt“, die peter wawerzinek in seinem buch „das kind das ich war“ in konträren mecklenburg-ländlichen kontext beschreibt. an neuralgischen punkten knickt das urbane fluidum der häuser um und eröffnet einblicke, durchblicke, ausblicke: eine poesie der stadt, in der die menschen die hauptrolle und ihre kreativität die dramaturgie spielen und viele von ihnen ihre lebensnarrative entwickeln. ein inkubator. jene freundin arbeitet über dem „neuen schauspiel“ in einer ehem. druckerei im hinterhof der lützner straße 29, wo mitstreiter der „hackstatt“ am eigenen stammtisch bei meinem atelierbesuch gerade über die einrichtung eines „fab lab“ diskutieren oder andere mit dem pinsel und viel terpentin in der luft ihrer malerei nachgehen. hier wird geschichte gemacht und nicht soviel über geschichte geredet.

das scheint mir als gast der entscheidende unterschied zwischen dresden und leipzig.

der passende soundtrack könnte textlich von der band „fehlfarben“ im titel „ein jahr (es geht voran)“ kommen, ist aber geschichtlich differenzierter belegt. christa wolf arbeitet im genannten buch ein ereignis in ihrer lebenszeit literarisch auf, das exemplarischer mein ansinnen darstellt: vom „virus der menschenverachtung“ ist die rede. dieses aufarbeiten und dessen zeitgenössische formalisierung in medien und politik in dresden zum 13. und auch 18.2. war ein grund für meine temporäre ‚ausreise‘, wenngleich das thema dennoch im raum lag und liegt und in vielen gesprächen beschäftigt. die perspektive von L.E. aus war hier hilfreich. in leipzig steht im stadtmagazin kreuzer (ausgabe 2/2012) dafür mit klaren worten die haltung der protagonisten zum rechtsradikalismus. öffentlich, ohne druckserei. und das ist im stadtraum nachvollziehbar. es wird gesagt wo und mit wem es probleme gibt. offen. kein freud’scher versprecher, sondern tacheles in der jetztzeit. geschichte ist hier lebendig, alltäglich, aber kein doghma, keine projektion, meine ich.

vergangenes ist teil des jetzt. in L.E. – vielleicht doch eher dem recht vitalen westen von leipzig – fängt stadt jeden tag neu an ist mein eindruck. neben der gründerzeit sprießt das einfamilienhausidyll. schulter an schulter. gleich dahinter grassiert die industrieruine. dazwischen drängeln sich nun kreativwirtschafter und die ausdauernden hausbesetzer. ein lob auf die vielfalt. „ort der vielfalt“ will leipzig sein und schreibt es an jedem kulturellen ort der kommune auf eine plakette. eigentlich gibt es neben dem rechtsradikalen und rechtspopulistischen gedankengut und den offenkundigen gründen dafür hier gar nichts zu beklagen. eigentlich. wenn da nicht ein schwerwiegender komplex wäre:

geht mensch auf seinem kulturspaziergang gleich hinter der spinnerei in die kleinen straßen mit den kleinen häusern, empfängt ihn bedrückend biedere aura. freiheit Aushalten! heißt hier wie überall selbstverständlich „Ausfahrt freihalten!“. das private wird zähnefletschend und symbolüberladen verteidigt. jedem seine kleine welt aus haus und garten und eine digitale flatrate und einen flughafen mit direktanschluss für die große welt. was privatheit, globale flatrate und flughafen miteinander zu tun haben, erörterten auf dem performance-festival „aus flug hafen sicht“ 2008 die künstler jan caspers, anne könig, vera tollmann, jan wenzel in ihrer arbeit „was du wissen solltest (die zukunft)“. leipzig schlägt nicht nur pakete und urlauber um, auch soldaten. fragen sollte man besser nicht stellen und seine nuegier auch zurückhalten. was das vor ort heißt: beim fotografieren werde ich von einem bahnmitarbeiter – station plagwitz ist nebenan – mit bierseeliger stimme gefragt, wofür ich das mache. auf die antwort es sei für mich, kommt die obligatorische nachhut das sei „privatbesitz“. wie eigentlich alles heutzutage, kontere ich lakonisch und fotografiere an der nächsten straßenecke einen spionierenden gartenzwerg mit fernglas über einer buchsbaumhecke hinter zackigem zaun. dr. freud würde sich vielleicht die haare ausraufen an diesen patienten einer kruden kultur, in der menschenverachtung nicht mehr von menschen selbst, sondern den ihnen unter die füße geschobenen sogenannten gesetzmäßigkeiten des (kapitalisitischen) lebens geäußert wird, ergo nicht mehr hinterfragbar oder denn an- oder auch nur begreifbar ist. an anderer stelle bricht es aus einem ateliernutzer heraus: „demokratie ist eigentlich auch faschismus.“ nun, ich würde zumindest auf die totalität des kapitals in vielen lebenslagen und seine zugrundeliegende mechanik verweisen und fragen:

wo sind die echten freiräume für menschen, wenn alles besessen wird und jedes hoftor als symbol dem territorialwahn angedient werden muss? kann sich leipzig die janusköpfigkeit aus zivilem und militärischem handel als ort der vielfalt leisten?

unabhängig von den abgründen der handels- und kaufmannsstadt beeindruckt in L.E. als kosmos weniger die urbane als vielmehr die kulturelle dichte und macht doch mut. global- steht neben lokalbewusstsein. leipzig steht im kräftespiel aus tradiertem handel und new trade. nun verstehe ich die modebegeisterte freundin und ihre „liebe“ zu leipzig. städtebaulich ist hier viel raum, manchmal zuviel, ab und zu sicher auch zuwenig. literarisch, historisch, künstlerisch, unternehmerisch, architektonisch gibt es viele ansatzpunkte für die leipziger freiheit. beides bedingt sich. bestimmt auch in den „höfen am brühl„, die von der „blechbüchse“ vorübergehend zum „hochbunker“ mutieren und urbanität in die kulisse der privatwirtschaftlichen zweckarchitektur verlagern. oder in der doch irgendwie fortschreitenden – darf ich es sagen? – gentrifidingsbums wie christoph twickel es mit seinem buch „GENTRIFIDINGSBUMS oder eine stadt für alle“ nennen würde, deren prozesse auch ich schon seit fünf jahren und aus erzählungen viel früher am beispiel L.E. wahrnehme. leipzigs baubürgermeister martin zur nedden findet das alles im kreuzer-interview ‚gut‘ und ’notwendig‘. das muss er kraft seines amtes. meine gastgeber, z.t. zugereiste, finden das alles erstmal normal und haben einen viel selbstverständlicheren blick darauf als einige weniger weit gereiste einheimische. sie lassen dennoch (notwendige) kritische fragen zu. etwa nach dem gefühl der mitwirkung bei vielem, das im stadtteil aufgrund der konsumptorischen notwendigkeiten geplant und gebaut wird. wohlan: alle haben auf ihre weise recht.

hier bin ich nur noch zaungast. wichtig finde ich trotzallem, wäre die interaktion.

mich deucht in L.E. hier wie da und dort das gefühl des aufgehobenseins in einer nachbarschaft, einer haus- oder ateliergemeinschaft, vielleicht auch einer gedankengemeinschaft oder auch nur einer wg oder partei. L.E. scheint vielmehr ein mikrokosmos im leipziger süd-westen zu sein, eine urban-kulturelle anatomie der intermediarität, eine soziale wohnzimmergemeinschaft, die als solches in ihren strukturen, ihrer vielfalt, ihrem fluidum und ihrem sozial-urbanenen narrativ unbedingt erhaltenswert scheint. ein bewusstsein für das dazwischen, für die poesie, die sieht, wer sich z.b. mit dem geocaching im transitraum zwischen lebendiger stadt und lost places gleich nebenan bewegt. oder mit aller gelassenheit und neugier spazieren geht und hinsieht, genau hinsieht und beschreibt. siegfried kracauer und walter benjamin sind die literarischen passanten der moderne gewesen, stehen pate. lucius burgkhardt war es in der postmoderne und begründete die spaziergangswissenschaften. bertram weisshaar oder boris sieverts sind es heute. ersterer lebt in leipzig. mit seinem „atelier latent“ findet er nicht nur hier genug stoff. letzterer ist in köln unterwegs und erkundet stadt, raum und umland mit dem „büro für städtereisen„.

solcherlei urbane narrative möchte der kultur!ngenieur weiter in das bewusstsein der entdeckungslustigen rücken. mit oder ohne freud. engel oder teufel. L.E. hat hier viel zu bieten und versteckt sich im gegensatz zu dresden keineswegs hinter dr. freuds mantel.