7 Fragen an Felix Liebig urbanite Dez 2015

urbanite stellt „7 Fragen an Felix Liebig“

Grafik: Screenshot, urbanite.net

In meinem schönen kleinen Interview des Stadtmagazins urbanite Kultur!ngenieur mit dem Kultur!ngenieur im Dezember 2015 ist u.a. vom „JohannStadtRad“ und den Vorhaben der „Löbtauer Runde“ 2016 die Rede. Reinschauen lohnt sich … Vielen Dank für den Artikel an Viola Martin-Mönnich!

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felix liebig kulturtagebuch eins kuhhandel

eins

[ dresden 06|09|2014 ]

in dem wort tagebuch steckt das englische wort tag, d.h. auf deutsch z.b. stichwort, ein solches soll jedem eintrag in das tagebuch wie auch das foto voranstehen.

heute: → kuhhandel (duden)

die beiden → bustouren (kultur!ngenieur) zum kesselsdorfer straßenfest waren trotz kleiner organisationslücken eine feine sache. der zuspruch hielt sich quantitativ in grenzen, allerdings waren die menschen qualitativ interressiert, kontakte kamen zustande und der busfahrer, herr kaute, bewegte uns sehr wendig im engen löbtauer straßenraster!

der preis der dichte.

so eng war es nicht immer: einst herrschte hier am seichten hang südwestlich des heutigen kerndresden die weite der kuhweiden und wiesen, die → löbtau (wiki) in seinem ursprung „liubituwa“ als einer art „lieblicher aue“ laut diversen quellen den namen gaben. eine urkunde vom 8. Oktober 1068 bezeugt es – nachzulesen bei WILLIGE 1934, S. 30 und zu sehen daselbst S. 31. 2018 dürfen und werden wir 950 Jahre löbtau feiern. der hang ist noch spür- und sichtbar, die weite nicht. löbtau ist urbanisiert, dies begann mit der christianisierung, der belehnung durch bistümer und später den königlichen hof bzw. die stadt dresden, die industrialisierung und die ansiedlung zunächst kleiner und später wachsender gewerbe an freiberger bzw. löbtauer und tharandter straße, der weißeritz und ihrem mühlgraben. viele menschen haben viele bedürfnisse.

hier beginnt der erste kuhhandel.

was an versorgungsgütern in den grenzen der stadt nicht produzierbar war, musste eingeführt werden. oder durch geschickte – und nachweislich nicht immer faire – (tausch)geschäfte erworben werden. zugleich verbat es zeitweilig eine bannmeile fremden handwerkern, ihre leistungen in dresden anzubieten. alle auch heute sichtbare kultur ist somit ein zugeständnis. sie wäre ohne enorme entbehrungen der produzierenden bevölkerung in landwirtschaft, später industrie und heute sicher auch den dienstleistungen womöglich nicht denkbar. das rasante leben im unaufhörlichen kultur- und fortschrittsdenken finden wir selbstverständlich. der kritische humanismus hat es hier noch immer schwer und gerät oft genug in das ungerechtfertigte fahrwasser von kommunismus, sozialismus oder gar totalitarismus.

damit sind wir in löbtau.

der arbeitervorort mit bäuerlichen wurzeln war nicht nur sozial recht eng, sondern auch eng an dresden gebunden und die wechselwirkung wirtschaftlich und kulturell kaum aufzulösen. straßen, mühlgräben, wasserleitungen, stromleitungen, albertbahn, pferdebahn, tram etc. verknüpfen über die jahrhunderte zunehmend stadt und umland. 1902 zahlt man schließlich nicht mehr zoll am → einnehmer- bzw. chausseehaus (dresdner stadtteile) an der weißeritz, sondern steuern in die kasse der kommune. zu dem zeitpunkt ist entlang des bestehenden rückgrades der kesselsdorfer straße der friedhof schon knapp 30 jahre angelegt, die typischen würfelhäuser – „kaffeemühlen“ – unter nun kommunaler planungshoheit gebaut. gerade an diesem urbanen rückgrad floriert fortan der einzelhandel der unterschiedlichen ansässigen gewerke. die damalige kultur wirkt in der identifikation mit löbtau bis heute nach.

an dieser stelle beginnt der zweite kuhhandel.

jede kuh hat ein rückgrat, das sie trägt. was hier seit 1900 wächst und sich in eine kulturelle figur einer straße und ihres stadtgewebes mit typischen fassaden und markisen, mit kaufverhalten und sozialen netzen auswächst, wird erst in jahrzehnten wieder nachgewachsen sein!

Henschelverlag Berlin 1982 Kesselsdorfer 1932

Henschelverlag Berlin 1982 Luftbild der Kesselsdorfer Straße 1932

was nach dem zweiten weltkrieg an handel wieder aufgebaut wird, muss sich spätestens nach der sog. → wende“ (wiki) der wachsenden kapitalmarktorienierung stellen (auch vorher gab es flurbereinigungen an bausubstanz und handel) und hat es nicht nur gegen diesen bald globalen kapitalisierungssturm, sondern auch gegen den lokalen oder nationalen bildersturm zu allen zeiten schwer. und gegen missverständnisse wie die politisch gut gemeinte, aber urbanistisch falsche nutzung des wortes → boulevard“ (wiki) für die zukünftige zentralhaltestelle auf der unteren kesselsdorfer straße kennt leider auch die robert-koch-apotheke kein kraut.

kulturelle bandscheibenvorfälle am rückgrat von löbtau.

wo die bandscheiben sich rar machen, schmerzen die wirbel. kleinteilige stadtstrukturen fehlen, weitere reibungsverluste entstehen. geschäftsmodelle wie auch bauten – und diese poetik wird meines erachtens zu häufig übersehen bzw. nicht kritisch genug reflektiert – geraten in der folge unmaßstäblich, kalt, ungeschmeidig: „löbtau passage“, „drei-kaiser-hof“, …  verdrängen weitere kleingewerbe. die bürger und viele händler besitzen nicht das realkapital und die poltische chuzpe zu einem „fairen“ handel mit projektentwicklern, viele ihrer politischen vertreter lassen sich allzu leicht vom „florierenden handel“ großer, überzeugender ketten erfolge versprechen und die kommunalen stadtplaner wissen oft nicht, was sie ohne (ver)wertungsfreien öffentlichen raum noch „gestalten“ sollen und „toben“ sich hauptsächlich an – zu recht gelobten – europäisch geförderten projekten aus. entschuldigung! aber schade ist es doch.

mensch schreibt geschichte(n) in kuhlöbte.

das eingangsbild zeigt ein handgefertigtes plakat von marlis goethe am eingang des temporären „geschichtstreffs“ der „ag stadtteilgeschichte“ in einem leerstehenden laden. mensch, kultur und geschäft gehen in so einer symphatischen ausstellung durchaus zusammen, schreiben eigene geschichte(n), entwerfen ihr authentisches lokalkolorit. in hintergrund bzw. nachbarschaft dieser an sich feinen aktivität zeigt sich aber ein fortlaufender bilderstreit: während der politisch leider nicht paritätisch geführte → gewerbeverein kesselsdorfer straße (homepage) ein sog. „geschäftstraßenmanagement“ mit einflüssen aus den heute selbst in großbritannien und den vereinigten staaten nach mehr als 30-jährigen erfahrungen harsch kritisierten → business improvement districts“ (BID; wiki) führt und dabei das ganze der von menschen kultivierten straße in ihrem stadtkörper oft dem etablierten unternehmerkreis und der großen (wirtschafts)politik, vielleicht aber auch gar keiner vision unterstellt, fühlen sich einige einzelhändler und gewerbetreibende an der straße mit der ablehnung gegenüber ihren progressiven vorstößen vom verein durchaus vor den kopf gestoßen. der neuartige handel einer nachwachsenden unternehmerschaft aus spätshops, tattoo-läden, a&v’s hat auch neuartige eigenheiten, bildet eigene milieus. notfalls eigene rechtsformen.

die wahrheit liegt in der mitte.

nun währe ein zweiter gewerbeverein auch schade, die katze bisse sich in ihren eigenen schwanz. aber dem zusammenkommen stehen arge verspannungen im weg. so versuchen aufgeschlossene geister und auch die → löbtauer runde (homepage) zu lockern, setzen impulse gegen tradierte denkbilder, gleichsam in richtung authentischer straßenkultur mit menschlichem maßstab und lokalpolitischem selbstbewusstsein, statt einseitiger geschäftsinteressen ohne langzeitperspektive. denn der kuhhandel besteht auch 25 jahre nach 1989 und 112 jahre nach der eingemeindung in löbtau – wie vielerorts – in dem ungünstigen leitbild der globalen kapitalisierung lokaler menschlicher (ja!) bedürfnisse und der recht undifferenzierten anbiederung an nicht wirklich menschgerechte lobbies.

hier wirkt der kultur!ngenieur an einem langfristigen umdenken mit.

natürlich ist der „kuhhandel“ eine metapher. in handel steckt auch das wort hand: bürgerliche initiativen „kultureller handarbeit“ wie der erwähnte geschichtstreff mit der „löbtauer bücherkiste“, die löbtauer runde, ihre suche nach einem café-lese-archiv-sitzungs-raum, auch das stadtteilfest des gewerbevereins als sinnvoller übergeordneter attraktor, die offene werkstatt des → werk.stadt.ladens (homepage), der dort initiierte nachbarschaftsfonds, der löbtauer markt und weitere alternative handelsmodelle, das breiter gedachte engagement einiger händler u.v.a. sind existentieller teil des spezifischen lokalkapitals und damit der hiesigen lokalkultur. sie sind zur heilung des rückgrades von löbtau in den nächsten jahren, vielleicht jahrzehnten dringend ausbau- und vernetzungsbedürftig – und wären stadtweit beispielhaft!