kurz in kursdorf

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fotos: felix liebig, 15. februar 2012

kurz: was bleibt?

auf einem kurzen besuch im heutigen flughafendorf kursdorf bei leipzig fand ich das raumgefüge von 2008 sichtlich verändert vor. weite schneisen ersetzen nun bauernhöfe, parkplätze füllen die lücken auf, ganze straßenzüge sind gewichen. ankerpunkte der dorfkultur sind nunmehr einige häuser und höfe alteingesessener, die feuerwehr, die kirche samt friedhof und schule, die gärtnerei, die waschanlage (für die mietwagen des flughafens), das ehemalige funkhaus des ersten flughafens, ein hotel sowie eine werkzeugfirma.

mit der entscheidung für den ausbau des flughafens leipzig/halle als wirtschaftsmotor für das regjo/nal/konstrukt mitteldeutschland über die menschen und ihre lokale kultur hinweg, konnten viele betroffene nur noch kleinbeigeben und flüchteten in perioden etwa in die bereitgestellten baugebiete in schkeuditz. der ehem. bürgermeister war der erste. ich schätze die bewohnerschaft auf keine 15 personen mehr. 2008 waren es noch um die 50. nach dem krieg sollen fast 1000 menschen dort gelebt haben, in regelzeiten ca. 400. die salzstraße führte einst hier vorbei. heute ist es die autobahn 14 und eine ice-trasse. schon 2008 flogen für das neue dhl-frachtkreuz, dem der damalige flughafen-junior-chef heute vorsteht, ca. 60 maschinen pro nacht zwischen zwölf und vier uhr durch die köpfe aller schlafenden. kursdorf existiert noch im internet auf einer eigenen website. die örtliche kultur aber ist nun flurbereinigt geprägt vom transfer, auch einiger urlaubsliebenden menschen, die ihre autos zurücklassen, aber verdeckt solcher in uniform, von paketen, von frachtgut aller flugfähigen art. was „kasper auf schatzsuche“ wohl alles fände? jan caspers und kollegen fanden ein sinnbild (pdf) der denkbaren zukunft des ortes in ihrem projekt, ob dessen das festival „aus flug hafen sicht“ beinahe aufgeflogen wäre.

mit dem performance festival stellten raumlabor berlin und thalia theater halle anlässlich des „theater der welt“ in jenem jahr die umbrüche vor ort zur künstlerischen debatte. der kultur!ngenieur war als produktionsassistent für das festival und das stück „unterm radar“ von jörg lukas matthaei (matthaei & konsorten) dabei.

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überflug 2

foto: felix liebig, dazwischengeflogen

nach meiner beteiligung am artikel ‚überflug löbtau‘ für das stadtteilmagazin „LA PÖSCH“ des werk.statt.laden nun der zweite streich.
ich werde im separaten post davon berichten und auch die kollegen vom werk.statt.laden werden ihre version anbieten. nur soviel: wir haben sechs stunden eindrücke gesammelt und sind nicht mehr nach löbtau nord bzw. zur ideenwerkstatt gekommen.

vorweg eine ungefilterte mitteilung zum werk.statt.laden selbst:

weiterführende informationen sind momentan nur direkt im Werk.Stadt.Laden erhältlich,
welcher jeden sonntag
 von 15-20uhr zu kaffee und kuchen / brezel und bier geöffnet ist,
sowie über unsere printmedien die seit einigen
 wochen im umlauf sind.
im internet wird man bisher nur spärlich fündig, daran wird noch gearbeitet.

vorab auch die exklusive, unerläßliche und wunderschöne karte zum spaziergang von marc schmidt: ueber_map

und hier noch die (fast) ungefilterte ankündigung zur nachlese:
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am SAMSTAG den 30/04/2011 um 13uhr am Werk.Stadt.Laden auf der WERNERSTRAßE
‚ÜBERFLUG 2‘ ein aktiver stadtspaziergang
durch dresden löbtau mit anschließender ideenwerkstatt

Als abschließende Veranstaltung zu unserem letzten Projekt, dem Stadtteilmagazin ‚LA PÖSCH‘ bieten wir einen Stadtrundgang an. Gemeinsam erkunden wir die Eigentümlichkeiten Dresden Löbtaus, indem wir markante Orte begehen. Wir wollen hier und da kurz verharren, ein paar Hintergrundinformationen fallen lassen und mit euch herausfinden, wie sich Stadtraum an den unterschiedlichsten Plätzen anfühlt. Das Ganze ist auch als Anreiz zu einem Diskurs in Themenfeldern wie Städtebau, Soziologie, Natur, Lebensraum zu verstehen. Anschließend gibt es die Möglichkeit zu einer illustren Runde in unserem Laden zusammen zu kommen.

Begleitet wird diese Veranstaltung u.a. von Felix Liebig (Dipl.-Ing. Architekt und selbsternannter Kulturingenieur), Thomas Jentzsch (Künstler, Gärtner und Assoziationsexperte) und meiner Wenigkeit – Marc Schmidt (schmidtzkatsegrafik druck fotografie kultur).

Der Spaziergang ist gleichzeitig Auftaktveranstaltung zu unserem nächsten Projekt, dem ‚freiraumsommer‘. Diesen Sommer sind wir mithilfe des Engagements der Mitglieder der ‚freiraumgruppe löbtau‘, Fördermitteln der EU und der Zusammenarbeit mit dem Stadtplanungsamt Dresden Drauf und Dran, einen partizipativen Prozess einzuleiten, der sich mit der Gestaltung von Lebensraum in Dresden Löbtau auseinandersetzt. Hauptaugenmerk liegt dabei auf ungenutzten Brachflächen und unergonomischen Orten hier im Stadtteil und eben dessen Bearbeitung mit Methoden, die wir gemeinsam entwickeln wollen. Diese Sätze seien lediglich ein kleiner Appetitmacher für das, was nicht mehr aufzuhalten ist. Weitere Informationen folgen zeitnah.
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fA!

freiheit Aushalten!

grafik: felix liebig, montage

an irgendeinem punkt um neujahr 2011 herum ging mir „das jahr der spaziergänge“ durch den kopf.
was man so findet auf seinen streifzügen! – manchmal auch auf einem ganz normalen weg von A nach B.

schwarz auf gelb

in dresden nichts besonderes;

wir leben in einer gesellschaft aus territorien und sichtbaren wie unsichtbaren handlungsanweisungen. (farb)codes! dem eigentlichen kulturgemäß-menschlichen handeln wird dabei in den seltensten fällen entsprochen. ritualisierung! freiräume sind kostbar geworden, aber es gibt sie. dies u.a. zu erforschen und zu ändern machen sich neben urbanofeel viele andere menschen zur aufgabe.

im alltag sehr präsent und doch übersehen sind dennoch diese schilder.
in der auseinandersetzung mit oben gesagtem und dem menschlichen bedürfnis nach (frei)raum  – also auch meinem freidenken – entstand das etwas abgewandelte schild:

freiheit Aushalten!

es begegnet uns tagtäglich. ein ready-made! überall da, wo freiheit anlässlich des omnipotenten und omnipräsenten eichmaßes unseres fortschritts eingegrenzt, gefiltert, abgezäunt, verschränkt wird – es kommt auf die lesart an.

wie in so vielen dingen im leben sollte man wissen, ob man aufgrund eigener bewegung vorwärts will oder lieber fortschreiten lässt. freiheit muss man in der tat jeden tag aushalten können, wenn man menschlich wachsen will. aber wem sage ich das … raum ist universell und denken ist universell. zunächst.

es kommt mehr hinzu:

dass der mensch das aushalten nicht immer kann, sieht man, wenn er mit echter freiheit konfrontiert ist, z.b. allein in einem großen raum, oder vor der entscheidung zwischen einer unbestimmbaren chance und einer sicheren rezeptur wählen zu müssen. und das ist menschlich.

aber: wir sind so ausgiebig und umfassend mit rezepturen für alles und jedes – mit produkten – umgeben, dass wir es gar nicht mehr wissen, wie man aus nichts etwas machen oder aus einem toten ort einen lebendigen platz machen kann. dass das spaß machen kann! unsere „neue realität“ (oder auch erweiterte realität der jetztzeit) hält uns bereits an sanften fesseln. wir müssen nicht mehr entscheiden. alle bedürfnisse sind schon gedeckt und erzeugt. die „dritte industrialisierung“ rollt. die produkte werden immer besser. uns geht es blendend.

was also müssen wir eigentlich noch aushalten? oder was treibt uns noch an?

aushalten müssen wir sogar einiges; all jenes, das von perfekten produkten nicht bedient werden kann. von z.b. unvermittelter und ungehinderter aggression durch menschen, die dem selbstdarstellungszwang im engmaschigen netz angepriesener ‚freiheit‘ nicht mehr standhalten über die – sinnlich aggressive – überfülle an „unnötigen“ informationen im stadtraum bis zu den tatsächlichen sinnlichen beanspruchungen, zu denen wir kaum noch vordringen, weil keiner mehr den sinn und einfluss perfekter produkte auf unsere frei(t)räume hinterfragt.
angetrieben werden wir trotzdem von mehr als dem erhalt der existenz. von neugierde, von der eigendynamik unseres bewußtseins. dem folgen wir so selten ernsthaft, dass immernoch die mär von der notwendigkeit der 40h-woche oder das paradighma (paradoghma?) von der leistungsgesellschaft funktionieren.

womit wir wieder beim fortschritt sind.

und jetzt explizit zum (auto)mobil, weil das z.t. hinter meiner argumentation steckt – als metapher: ich selbst bin überzeugt, dass die ikonen unseres gesellschaftlichen fortschritts uns womöglich ungeheuer aufhalten. das kann jeder jeden tag auf den einfallstraßen der großstadt beobachten. keine zeit für einfälle. ausfälle vielmehr. abfälle sowieso und abgase. stress. unsinn.

das perfekte sinnbild einer trägen, ungebremsten hülle (aus versprechungen), die das eigene agieren altern läßt und behäbig macht und unbeherrschbar die lebenszeit rafft.

in dresden möchte man dem nun mit echtzeit-verkehrsbeeinflussung begegnen. siehe den film „the italien job“! „welcome to dresden’s automated traffic control and operation centre“. die einbahnstraße in den köpfen, die schranken, die unsichtbaren roten ampeln, der subtile gasfuss im täglichen leben (z.b. beim morgentlichen schwimmen der berufspendler in der freiberger straße); das alles wird davon nicht verschwinden. und das ist nur ein laster unserer fortschrittlichen gesellschaft, der/das nichts trägt. nicht nur aus der atomkraft sollten wir bald aussteigen.

soviel zum kulturpessimismus ;)

ich träume von einer gesellschaft, in der wir die freiheit haben uns so zu bewegen wie wir das für richtig halten und zeit zum entdecken haben.

spaziergänge helfen dabei, sich ein paar dinge in echtzeit genauer anzusehen und zu reflektieren. nicht nur das sichtbare, auch das dazwischen. den raum zu öffnen durch das bewußte und nur mental zielgerichtete bewegen ohne ziel. sie machen optimistisch, weil alles noch vor uns liegt. der „innere visionär“ der schamanen ist nicht so abwegig. gehen und denken interagieren. im spazierengehen überlagern sich wahrnehmung und auseinandersetzung. zumal im dialog mit mitgängern. perspektiven wechseln dynamisch. das „dynamische seminar“.

davon gab es dieses jahr bereits einige und wird es weitere geben; in pieschern, in löbtau, in der friedrichstadt und dazwischen…

bitte aussteigen.

ps: 4. september 2011: freiheit Aushalten! bei google googlen und staunen. kultur ist ein prozess paralleler gedankenwelten, die irgendwann aufeinandertreffen. interessant dabei sind buch und theaterstück!

ingrid liebig (annett jonusch/OZ)

auf guten grund gebaut

ingrid liebig anlässlich ihrer ehrung zum frauentag 2011, foto: anett jonusch / OZ

meine interessen und fähigkeiten haben einen guten grund, auf dem sie gewachsen sind.

ingrid liebig – sie wurde nun anlässlich des internationalen frauentages am 8.3.2011 in bad doberan / mv geehrt für ihr langjähriges engagement zum aufbau der jugendkunstschule am ‚bürgerkommunikationszentrum kornhaus e.v.‘. ich habe nicht nur dort angefangen mich musisch ausbilden zu lassen, sondern von dort auch viel mit auf den weg genommen, das ich heute anwende bzw. das mich heute weiter inspiriert.

einmalig!

hier der artikel aus der ostsee-zeitung vom 9.3.2011:

ingrid liebig zum frauentag 2011

Der Kulturflohmarkt – Feilschen über Europa!

foto: der ort des geschehens wird mit leben erfüllt. (© mit freundlicher genehmigung des friedrichstadtZentral e.v.)

ich veröffentliche hier den entwurf einer pressemitteilung zu einem wundervollen projekt, für das ich im auftrag der polnischen robert-schumann-stiftung die gesamtkoordination der station dresden übernommen habe:

„Am Dienstag, 3. Mai 2011 zwischen 12 und 16 Uhr, findet der “Kulturflohmarkt” des Medienkulturzentrum Dresden e.V. im 400er Saal des friedrichstadtZentral e.V. statt.

Kristina Schoger, Abteilung Europäische und Internationale Angelegenheiten der Stadt Dresden, wurde angefragt die Gäste offiziell zu begrüßen. Mit dabei ist Kultur Aktiv e.V. Das Societätstheater, die Internationalen Gärten Dresden e.V. und weitere Kulturvertreter haben ihr Interesse angemeldet.

Das Projekt ist Teil des europäischen Kulturaustauschs der Polnischen Robert-Schumann-Stiftung im Rahmen des Projektes „We Are Europeans“. Sechs Kulturglobetrotter aus den Balkan-Staaten sind zu Gast in Dresden als letzter Station ihrer Europa-Rundfahrt. Die Gastgeber wollen mit ihnen vor ihrer Rückfahrt nach Warschau ausgiebig kulturell feilschen!

Deshalb ist alles auf Kulturaustausch angelegt. „Die Gäste aus dem Balkan und die Akteure aus Dresden feilschen miteinander über ihre individuellen Visionen von Europakultur und werden eine gemeinsame europäische Vision formen,“ sagt Felix Liebig, Projektkoordinator für die Station Dresden, „natürlich spielt dabei das Netzwerken eine große Rolle.“

Gefeilscht wird anhand authentischer ‚Kulturflöhe‘, d.h. jeder bringt für ihn persönlich kulturtypische Dinge mit, die in eine Hosentasche passen. Diese werden auf dem Kulturflohmarkt feilgeboten und gehandelt. Alle Teilnehmer sind ‚Kulturhändler‘ ihrer wichtigsten kulturellen Werte und Vorstellungen für Europa.

Die Veranstaltung wird in englischer Sprache gehalten. Sie ist offen für alle Kultur- und Europainteressierten. Der Eintritt ist frei. Es gibt Dresdner Kartoffelsuppe, Eierschecke und Blümchenkaffee!“

* weitere Informationen auf:

der Programmseite der Polnischen Robert-Schumann-Stiftung

* Ansprechpartner der Projektkoordination:

Felix Liebig
i.A. des Medienkulturzentrum Dresden e.V.

siehe unter ‚imprint‘ auf dieser Internetpräsenz

* verantwortlich für die Pressearbeit:

Mandy Ziegler
Medienkulturzentrum Dresden e.V.
Schandauer Str. 64
01277 Dresden

fon: 0351 / 31 540 678, fax: 0351 / 31 540 671

http://www.medienkulturzentrum.de

überflug löbtau

überflug löbtau

(bild: google-earth, die leere flagge darf symbolisch mit fragen oder antworten gefüllt werden…)

für ein brandneues magazin der kollegen von ‚der werkstatt‘ in dresden-löbtau habe ich einen ‚überflug‘ gestartet. ich habe mich dabei an der weisseritz orientiert. meine erkenntnisse sind in folgendem text zusammengefasst. dies ist die reinversion, die marc, matti und omez in eine viel abwechslungsreichere form gebracht und durch zahlreiche eigene ermittlungen in unterschiedlichsten medien ergänzt haben haben.

es geht um authentisches stadträumliches erkunden mit dem ziel urbaner kultureller bildung.

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untertitel „gedanken zur kulturellen anatomie eines wachsenden stadtteils“

der mensch lebt bekanntlich in wahrnehmungsgebundenen raumkontinuen. wenn ich selbst an löbtau denke, weiss ich, auf welchen wegen ich mir den stadtteil aus notwendigkeit oder entdeckerfreude bislang erschlossen habe, und was dabei zum vorschein gekommen ist. wie ist das wohl bei anderen menschen?

das kritisch forschende schreiben ist dabei so eine sache: es formuliert noch keine fertigen gedanken und möchte dennoch nachvollziehbare denkanstöße liefern. ich werde im folgenden den stadtteil dresden-löbtau in einem spagat zwischen weitgehend intuitiver erkundung mit dem blick des raumforschers und angehend journalistischer sachkunde entlang der weißeritz darstellen.

ein vor–schein zum einstieg: löbtau ist ein stadtteil voller würfelhäuser und hat vorwiegend studentische einwohnerschaft. der schein trügt. löbtau hat alles an stadtkulturellem repertoire, das man sich denken kann. die würfelhäuser nennt man z.b. auch ‚dresdner kaffee-mühlen‘. bei einer heute nicht unüblichen google-suche“löbtau“ findet man auf den ersten zehn plätzen zunächst folgende einträge – stand 16.2.2011:

1 http://de.wikipedia.org/wiki/Löbtau – die enzyklopädie wikipedia über löbtau
2 http://www.dresden-loebtau.de/ – die namentlich freche domain einer spielvereinigung in löbtau
3 http://www.dresdner-stadtteile.de/Sudwest/Lobtau/lobtau.html – ehrenamtliche historiker über löbtau
4 http://www.apotheke-loebtau.de/ – gesundheit! löbtau
5 http://www.dresden-und-sachsen.de/dresden/loebtau.htm – tourismusbörse über löbtau
6 http://www.dresden-lexikon.de/Lexikon/Loebtau.htm – eine stadtinterne enzyklopädie über löbtau
7 http://www.st-antonius-dresden.de/ – eine kirche in löbtau
8 http://www.loebtauer-kickers.de/ – diesmal fußball in löbtau
9 http://www.36te-mittelschule-dresden.de/ – eine mittelschule in löbtau
10 http://www.sn.schule.de/~gs35dd/ – eine grundschule in löbtau

das ist nun keinesfalls repräsentativ und deckt sich zu genau 10% mit dem von mir angestrebten allgemeinwissenden überblick über den stadtteil. deshalb habe ich ohne anspruch auf vollständigkeit weiter geforscht und mir dabei ein feld entlang der weißeritz per fahrrad erschlossen. dabei fiel mir auf, dass löbtau wie einen hammer zwei sich überschneidende sog. STRIPS als anatomische basis aufweist. strips sind seit robert venturi und denise scott-brown der begriff für ins suburbia führende straßenschneisen, entlang derer sich verschiedenste wirtschaftszweige wie auf einer kette aufreihen. das ‚rückgrat‘ von löbtau und gleich auch die teilung in nord und süd bildet die kesselsdorfer straße als quasi kommerzieller bunt gemixter strip. sie ist dies viel mehr als der andere strip, den ich im zug der löbtauer–tharandter–straße auszumachen glaube, der auch viel mehr abhängig von den örtlichen gegebenheiten zwischen verwertungsökonomien im norden und medienkulturellen clustern im süden changiert; zu nennen das kino in der fabrik (kif) und die bienert-mühle (museum hofmühle). und vor allem fliesst er mit dem fluss.

die kesselsdorfer straße hingegen weist in ihrem vorderen teil eine sehr starke konzentration ökonomischer ‚durchlauferhitzer‘ auf, bauten, die keinen architektonischen, dafür aber einen lokalökonomischen wert haben, um sich dann westwärts richtung gorbitz / naußlitz zu entfernen. an diesem umsteigebahnhof der wissens- und arbeitspendler endet auch das ’studenten-shuttle‘ der linie 61. doch schon ein paar meter weiter westlich auf der kesselsdorfer straße fehlen bauten, klaffen leerstellen, die – ein dortiges kuriosum an der ‚werbewagenecke‘ – expressiv von werbe-anhängern zugestellt werden. hier herrscht work-in-progress und kein feiner boulevard. es gibt lediglich eine unfreiweillige ‚torsituation‘, indem nämlich der autobahnhochstraßenzubringer die einfahrt zum stadtteil rahmt. das hat leider noch kein stadtplaner erkannt und für eine visuelle aufwertung gesorgt. das kraftwerk der drewag ist gleich dahinter. löbtau ist also erstmal gut angeschlossen – zumindest in sachen lebensadern.

die weißeritz z.b. ist seit der flut 2002 auch den neuen generationen dresdner bewohner bekannt. der sog. ‚weißeritz-knick‘ biegt den fluss, der längst schon kanal ist und damit seine industrielle geschichte erzählt, in richtung cotta ab, genau an dem beschriebenen löbtauer tor. der fluss hatte die gelegenheit des hochwassers genutzt um seine natürliche geschichte nocheinmal zu erzählen, denn er verlief bis vor 100 jahren entlang der heutigen löbtauer und weißeritz-strasse direkt nach nordosten. auf dem erweiterten gelände des ursprünglichen bettes befindet sich heute ein teil des ‚weißeritz-grünzuges‘. zwischen dem bahngelände an der bauhofstraße und der bienert-mühle in plauen wurde mit efre-förder-geldern (europäischer fond für regionale entwicklung) ein offener grünzug erstellt, der reste vorheriger bebauung in gabionen packt und versuche macht, freiräumliche aktionszonen zwischen baulichen investitionszonen zu definieren. eine beschilderung aus stehlen gibt fundiert auskunft über kulturell brisante orte. nicht weniges an authentischen baulichen entwicklungskernen ist dennoch dem föderprogramm zum opfer gefallen oder harrt wie das ehem. gelände des krankenhaus löbtau der vollendung, sodass man sich fragen kann, wem die aufwertungsmaßnahmen denn nützen? so hat man in dem alten krankenhaus altenheime stationieren können, was demografisch o.k. ist, doch die aktivere jugend muss sich auf einer mikrigen skater-ecke im grünzug herumdrücken. am löbtauer tor genießt man die wunderbare aussicht von hölzernen liege-sonnen-bänken auf den schon beschriebenen knoten von schlagadern des städtischen lebens.

es ist nicht wirklich ein ’stadtteil am fluss‘, dennoch behaupte ich dies provokativ. löbtau schwappt ans wasser, da wie besprochen der fluss als kanal nur noch in grosssen intervallen und dann richtig schwappt. besonders erfahrbar wird die weißeritz erst im oberen bereich ab lötauer tor, also im süden, wo die stadt sich langsam auflöst und mit der bienert-mühle der letzte bauliche ankerpunkt der stadt vor dem plauenschen grund steht. ‚die haifische‘ waren hier nicht nur in geologischer vorzeit zugegen und haben ihre zähne als fossile funde hinterlassen,  ein künstlerischer wettbewerb unter selbem namen erforscht und interveniert sukzessive an und um den fluss an der stelle, wo am deutlichsten zu spüren ist, wie die industrie und das auge des biedermeierlichen betrachters die urpsprüngliche landschaft sehend gestaltet haben. auch die immobilien-haie haben vor nicht allzu langer zeit ihre gesundeten zähne in die kulturell wertvolle mühle geschlagen, sodass diese auch heute noch nicht ganz gerettet ist. fabrikantenfrau ida bienert war kunstmäzenin und künstlerin. die gesellschaft der häuser in altplauen sei nur kurz erwähnt um zu zeigen, dass dresden die stadt der echten dorfkerne ist und damit einen besonderen schatz hat.

altlöbtau liegt auch heute nicht am fluss, besitzt in seiner stadtstruktur jedoch ebensolche dörfliche urprünge wie plauen. es bedient sich bereits modernerer bzw. gründerzeitlicher mittel um hier nicht den fluss, sondern den anger zu rahmen. so findet man eine kleine siedlung von ‚architekten-häusern‘, die leider genau keinen dorfcharakter hat und etwas zu individualistisch vermengt wirkt. (im übrigen auch auf google streetview kein schöner anblick, weil besitzer ihre häuser haben ausradieren lassen.) direkt daneben steht zum glück einer der kulturellen höhepunkte und stadtanatomischen brüche zugleich: die ev.–luth. friedenskirche. ihr turm repräsentiert noch den vorgängerbau, ihr krichenschiff jedoch ist ein viel kleinerer womöglich sogar typenbau aus der nachkriegszeit, da die kirche teilzerstört war. heute lädt man hier auch zu kulturellen veranstaltungen. noch ein höhepunkt ist in einem nahe gelegenen von neubauten und hochstrasse etwas eingeklemmten gründerzeitblock: ‚die praxis‘ und ‚die werkstatt‘ als unabhängige kulturprojekte, die meistenteils von studenten betrieben werden, neugierig auf löbtau sind und so mit der bürgerlichen sitte brechen, es sich einfach nur gemütlich zu machen. ein schaufenster-konzert zeugt davon!

verklemmt oder brüchig sind in löbtau viele stellen, vor allem im bereich der weißeritz und der genannten strips, weil hier ökonomische umschichtungen am eindrücklichsten zu bezeugen sind, weil der stadtteil einfach wachstumsrisse bekommt an seiner aussenhaut. die ‚filterzone‘ zwischen fluss und nord-süd-straße eröffnet einem einblicke in diesen prozess. doch auch in der gesellschaft der würfelhäuser im löbtauer binnenland finden sich eigenartige zeugen einer anderen zeit und anderer entwicklungen, die aus dem typischen rahmen fallen und auch wohnfremd genutzt werden. brachstellen im raster der bürgerlichen ordnung, die als freiräume kulturell anziehend sein sollten! dazu zählen auch leere läden, die unter den hier im gegensatz z.b. zu pieschen noch vorhandenen eckgeschäften potentiale eröffnen.

was ich nicht vergessen will: nicht nur sehenden auges erkenne ich in löbtau kulturelle prozesse – augen zu, ohren auf! die (straßen)bahn quietscht betörend, die weißeritz plätschert ungnädig, auch auf dem weißeritz-grünzug gibt es noch einen klappernden schrottplatz. richtig beeindruckend ist das drewag-kraftwerk an der nossener brücke, in dem das maschinen-brummen so umfassend ist, dass man sich kaum selbst verstehen kann und dennoch frequenzbedingt keine hörschäden erwarten muss. ich empfehle tage der offenen tür. die autos z.b. auf der kesselsdorfer bilden im kontrast den uns gar nicht mehr gewärtigen hintergrundteppich eines sonoren rauschens, das man sich ruhig mal wegdenken sollte!

ich habe im nachgang nochmal einen ‚überflug‘ bei google-maps unternommen und bin auch in streetview eingestiegen. wie anderswo auch existiert löbtau in dieser bilddimension bereits in drei zeitschichten: den älteren google-maps-daten, den 3 jahre alten streetview-daten und den realen ‚daten‘. (wer mehr wissen will, wendet sich an die örtlichen geschichtsvereine, die im gegensatz zur unterbesetzten leuchtturmarbeit des stadtarchivs flächendeckend arbeiten und für anregungen zu haben, vor allem aber zu nutzen sind.) man kann also in einem zeitrahmen von vielleicht 5–6 jahren löbtauer geschichte baulich virtuell nachvollziehen. da ist einiges, z.b. die löbtau-passage: sie ist auf google-maps eine brache, in streetview im bau und nun real-existierender fassadenschwindel. womit wir wieder bei venturi / scott-brown sind. das ‚decorated shed‘ (die dekorierte hütte) ist nicht nur an der löbtau–passage sehr eindrücklich zu erkennen. auch an den würfelhäusern gibt es vorblendungen, die uns etwas vom bürgertum vormachen sollen. nur, dass hinter dem bedeutungsträger fassade an der passage die autos auf dem supermarktdach gestapelt werden, während bei den bürgerhäusern sich die wohnungen stapeln. die ‚passage‘ ist, wenn man sich an leipzig oder gar mailand orientiert, ebensowenig passage wie der ‚boulevard‘ mit blick auf paris oder barcelona boulevard ist. interessant ist die aktuelle debatte im stadtrat um diesen ‚boulevard‘, der in völliger verkehrung seines baugeschichtlichen seins dann ohne autoverkehr auskommen soll – warum bezieht man nicht folgerichtig die kesselsdorfer straße als formales (sinnliches!) ganzes in die überlegungen mit ein? alles hier ist ein ‚ich-möchte-gern-etwas-sein‘, ich weiss aber noch nicht wie – das typische stadium der entwicklung bei jungen menschen im alter von ca. 20 jahren. auch streetview schwindelt, aber anders. die bindung der kamera an das automobil statt den menschen ist soziokulturell unrepräsentativ für aussagen über einen stadtbereich, der untertunnelt oder im bau ist, bzw. dessen eigentliche qualitäten wie die weißeritz nunmal nicht ‚erfahrbar‘ sind. hinzu kommen geo-tags von firmen usw., die wie schon die google-ergebnisse eingangs keinerlei repräsentative kulturelle aussage führen können, da dafür erstmal jeder im world-wide-web präsent sein müßte.

ich statiere: im gut geordneten raster der löbtauer stadterweiterung des beginnenden 20. jahrhunderts befinden sich gleich den bruchstellen an geografischen demarkationslinien wie der weißeritz und strassenmündungen auch soziale und kulturelle verwerfungen. ganz normal. und vor allem spannend! wer das herausfinden will, zumal, weil ich mich doch sehr begrenzt äussere, sollte mal von ‚der kesselsdorfer‘ richtung süden / bonhoeffer platz einbiegen und links gleich das kleine bungalow ansteuern, auf dem ‚ingrids stübchen‘ steht. oder er sollte am löbtauer tor mal in die stehbierhalle ‚drei–kaiser–hof‘ gehen. oder er macht sich mit mir und der werkstatt im frühjahr / sommer 2011 auf spaziergänge zwischen freiräumen in löbtau um mehr als das hier illustrierte zu entdecken.

eine hilfe beim entdecken sind übrigens möbel, die keiner wahrnimmt: an elektrokästen kann man nicht nur aufrufe ‚posten‘, sondern sich auch herrlich zum beobachten und aufzeichnen postieren.

summa summarum: ausbaufähig!

felix liebig © 2011

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quellen & empfehlungen:

– die liste ist fortsetzbar, gibt nur einen ausschnitt wieder; ich verweise gerne auf die erkenntnisse der kollegen im gedruckten magazin! …

– eigenes, nicht nachweisbares, nur erkundbares, allgemeinwissen über löbtau und dresden
– fundstück an der fröbelstraße, auf einem busch, metallprägeteil, rostig
– zum strip: robert venturi & denise scott-brown: learning from las vegas, MIT press, 1977
– lesenwertes feature dazu bei „dpr-bcn“
– google-suche „löbtau“ am 16.2.2011
– google-maps, google streetview: „löbtau, dresden, deutschland“ – screenshots 19.2.2011 & 20.2.2011
– seite des stadtplanungsamtes dresden zum „weißeritz-grünzug“
– dazu die „beschilderung“ im öffentlichen raum
– das efre förder-szenario beim städtischen sanierungsträger „stesad“
– kunst im öffentlichen raum der „haifische dresden“
– kino in der fabrik – „kif“
– das „museum hofmühle“ in der bienert–mühle
– encyclopaedia „wikipedia“
– die seiten der „dresdner stadtteile“ (ehrenamtliche historiker) über löbtau

schwarzmarkt-report

oder: wenn die fassaden und visagen von identität träumen

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slideshow: eigene aufzeichnungen vom diskurs vor ort

nachdem hannah hurtzig schon 2010 mit dem ‚schwarzmarkt für nützlichess wissen und nichtwissen‘ in dresden zu gast war, folgt nun das ‚das atelier des schwarzmarktes 02 ”jenseits der fassaden und visagen“‚ am 4. februar 2011 im kleinen haus des staatsschauspiels dresden. BITTE DIESEN VERLINKTEN ARTIKEL ZUNÄCHST LESEN!

ein schwarzmarkt bildet die vorlage für den ’schwarzmarkt für nützliches wissen und nichtwissen‘ der  künstlerin hannah hurtzig, der konzeptioneller teil der sog. ‚mobilen akademie‘ ist. eine schattenwirtschaft changiert bekanntlich zwischen lokalen und globalen interessen. neben der tatsache, dass schon beim warten am eingang des kleinen hauses offenbar viele leute vergebens versuchten die veranstaltung zu besuchen, beschäftigte mich die vorstellung, was mich da wohl erwarten würde, da ich zum letztjährigen schwarzmarkt nicht zugegen war. wiewohl, der begriff der ‚identität‘ war seit 2009 ein sehr präsentes schlagwort in meiner arbeit.

wie würde dies hier behandelt werden?

das gefühl auf den markt zu gehen kenne ich mittlerweile ganz gut – der wochenmarkt am hygienemuseum ist zwar kein schwarzer, doch versorgt er einen gut, vor allem mit immernoch vergleichsweise authentischen (echten) lebensmitteln von ebensolchen produzenten. gefeilscht wird hier nur selten, dafür können auch die vehementesten ignoranten nicht verhindern, dass doch irgendwie globales gemüse auf die auslagen rutscht. solches in bezug auf wissen vom ‚atelier des schwarzmarktes‘ zu erwarten fiel mir beim gang zur veranstaltung noch nicht ein. heute finde ich es bedenkenswert.

im mittleren saal des kleinen hauses angekommen, blieb ich zunächst an schwarzen wänden hängen. sodann an zahlreichen menschen dazwischen, die sich offenbar schon um ebenso schwarze tische gruppiert hatten. aber wo war der markt, das atelier? beim schlendern um die versuchsanordnung ging mir auf: der raum war von den schwarzen wänden in drei kompartimente geteilt worden und an den tischen befand sich je ein ‚experte‘, der vermutlich sein wissensangebot feil zu bieten hatte, plus je eine schar von nachfragenden. ob diese ’nichtwissende‘ oder ‚experten in spe‘ sein würden, bzw. wie hannah hurtzig sich das gedacht hatte, sollte sich im verlauf zeigen. von einem markt konnte zunächst aufgrund des fehlens vertrauter assoziationen nicht die rede sein. anekdote: beim rundgang hielt mich hannah hurtzig für den tontechniker. es schien da ein problem zu geben, das die veranstaltung unwillkürlich aufgelockert starten liess. ich landete bei prof. dr. nils-christian fritsche.

und schon wurde klar wie dieses format funktioniert, als nämlich die wände zur seite geschoben wurden und der raum sich zur einführung öffnete. da geht nicht der vorhang auf, es gibt eigentlich drei gleichwertige bühnen auf selber augenhöhe, die – wand hin, wand her – miteinander kommunizieren. so gab es im äther des sprechens und nicht greifbar auf dem tisch dargebotene produkte. eine schattenwirtschaft des wissens, das jedoch exklusiv ist – zumindest in diesem raum.

womit ein wunder punkt erreicht ist: natürlich kostet das alles 5 € eintritt und gewiss gibt es keine breite bevölkerung, die an diesem akademisch inspirierten diskurs teilnimmt. das ‚atelier des schwarzmarktes‘ fand in einem kreis recht vieler bekannter gesichter statt. diese lokale interessengruppe, von der man ahnen kann wie vernetzt sie untereinander ist, bedient sich dabei eines produktes der globalen theater- und performance-kunst. das ist insofern interessant, da die mitorganisierende gruppe ‚die zeitgenossen‘ 2010 eben o.g. wochenmarkt (eigentlich ’sachsenmarkt‘) in das stadtzentrum zu verlegen anregte und aktuell die rede von der privatisierung der restlichen wochenmärkte dresdens die runde macht. DAS MANIFEST DER ZEITGENOSSEN EMPFEHLE ICH ZU LESEN!

wie kommen wir an die wahren bilddiskurse heran, an die produktion gesellschaftlicher visionen?
wie weit kann / muss man den (gesichts- oder gedanken-)kreis für einen bildbestimmten diskurs auf lokaler ebene ziehen, damit man sender und empfänger einschlägiger meinungsbildung in globalen dimensionen gleichermaßen erreicht?

wie lokal war die diskussion über fassaden und visagen? geht es den ‚zeitgenossen‘ nur um architektur? ich finde es streitenswert, ob man den verhandlungsprozess über ‚identität‘ unabhängig vom ’schwarzmarkt‘ nur auf architektur beschränken kann. sollte man ihn nicht vielmehr in den gesellschaftlichen rahmen allgegenwärtigen corporate designs, raumsoziologischer forschungen sowie vermeintlicher medialer meinungsführerschaften stellen um zu klären wo heute die identitäten der zukunft ausgehandelt werden? die experten äussern sich in jedem fall fundiert dazu: so idealistisch–kunstvoll (experte herr schoper, neues buch zum thema! ‚zur identität von architektur‘) oder bildgeführt–prozesshaft (experte herr fritsche, ‚Das Paradox des Sichtbaren – …‘) oder flüssig–exzentrisch (expertin frau voss, nach dem philosophen / soziologen helmuth plessner) ist die identitätsdebatte.

plessner z.b. differenziert zwischen körper haben und körper sein. bei identität geht es um das sein, weil wir identität nicht von natur her besitzen, sondern permanent sozial aushandeln. ‚fassade‘ kommt eigenen recherchen zufolge von der lateinischen entsprechung für ‚angesicht‘. ‚visage‘ kommt von der lateinischen entsprechung für ‚gesichts(sinn)‘, ist aber eher abwertend im deutschen gebrauch (was mit kriegen gegen frankreich zu tun haben könnte?). hingegen bedeutet das englische ‚face‘ auch ‚gesicht‘. wenn die leblose fassade auf das podest der identität gehoben wird, darf die leibhaftige visage mit ihrer sozialen dimension sicher nicht durch den schlamm gezogen werden. frau voss diskutierte ja lebhaft die ausdruckspotentiale des menschlichen gesichts zwischen lachen und weinen und deren relevanz für unser bild von allem, was uns umgibt.

ich glaube, dass identität mehr als eine (begriffs)form ist und nicht nur über ihre ästhetisch-visuelle präsenz, sondern eben auch ihren sinnlichen werdegang sowie ihre soziokulturellen bezugspunkte besprochen – mehr noch: erfühlt – werden muss.

ich würde mir ein ergänzung durch gehendes erkunden im aussenraum wünschen, durch physische interaktion mit den vom schwarzmarkt gehandelten fassaden ebenso wie den echten ‚visagen‘ im urbanen raum!

hier dazu eine eigene anregung auf der suche nach bedeutungszuweisungen im urbanen alltag – „what’s my name?“

wichtig ist, dass ich die zeit im ‚atelier des schwarzmarktes‘ genossen habe, ergo der schwarzmarkt ein eindrücklicher war: die ‚aufgaben‘ des vito acconci gab hannah hurtzig vorab zum besten. (vito acconci: normale kunst: kunst an öffentlichen orten, eine lehrveranstaltung am san francisco institute, sommer 1983.) der wechselnde diskurs spielte sich dann alle ca. viertel stunde zwischen seminarhaftem erörtern eines kernaspektes zum leitthema bei geschlossenen wänden und dem offenen vortragen des jeweiligen experten-statements bei geöffneten wänden ab. fesselnd. es gab nachfragende, die besser feilschen konnten als andere, es gab experten die charmanter feilbieten konnten als andere. nach zwei stunden löste hannah hurtzig das ganze auf in den üblichen small–talk und mancher fragte sich vielleicht:

wat nu?
ich ging nicht leer aus – wie die skizzen beweisen, die zudem schon den zweiten reflektierten aufguss der inhalte bedeuten.

richtig spannend wurde es für mich dennoch erst hinterher: um die ecke, in der hoyerswerdaer strasse 36 steht seit geraumer zeit ein laden leer, der unter dem label ‚fischladen‘ von drei akteuren aus nächster nähe vergeben wird. angeblich gehören diese akteure zur ehem. galerie treibhaus, die leider kürzlich schliessen musste, weil der (schwarz)markt der eigeninteressen lukrativer ist. infos zum laden z.b. auf ‚die neustadt‘ – es gibt wohl eine facebook group. diesmal z.b. waren die nutzer die ‚kunstnomaden‘ mit einer ausstellung.

auch hier werden in einem (halb)öffentlichen diskurs identifikationen gehandelt und vielleicht ist der schwarzmarkt hier noch vielmehr schwarzmarkt als woanders. ich selbst kam aufgrund meines wissens und meiner kontakte als nachfragender (kostenlos und nicht umsonst!) in den genuss eines posters des experten in grafik alexander heitkamp. seine ‚buchstabenorte‘ (bitte nicht buchstaben(t)orte!) schafft eine besondere art der identifikation, wenn auch noch nicht einer identität. so geschehen vor ort: man steht gemeinsam vor einem seiner poster und unterhält sich, wo man denn nun wohnt – am linken zipfel des T oder doch am fuß des E? typografie und topografie haben viel miteinander zu tun! motto:

„typografie macht unsere stadt.“ (heitkamp)

und ist nicht identität etwas, das im durchleuchten der vielen schichten unseres seins in einem steten kulturellen prozess wächst?

erkenntnis: in der bewegung im raum liegt der weg zum verständnis. erst mit dem gegenüberstellen zweier anregungen verstehe ich den kontext. das dazwischen ist wichtig – raus aus der einen kiste, rein in eine andere. während das ‚atelier des schwarzmarktes‘ die kulturellen schichtungen eines identitätsstiftungsprozesses vor allem im gespann ich-haus offenlegen wollte, so erobern sich die ‚kunstnomaden‘ identitätsstiftungen in situ im spiel ich-medium, also mit raum und kulturellen sparten: z.b. der grafik, aber auch der kunst und der mode. die ausstellung war kurzlebig, das ist der wunde punkt: kunstnomaden ziehen nunmal weiter und hinterlassen gesprochene und verbildlichte – über unsere synapsen im kopf und unsere gespräche mit anderen fortgetragene – schnittstellen für identifikation. der schwarzmarkt möchte prozesse verstetigen, indem er sich nicht minder des darüber–redens bedient. die lokalen akteure müssen dies nun vor ort multiplizieren, hannah hurtzig lieferte den prägnanten umraum dazu.

der schwarzmarkt des wissens und nichtwissens ist eigentlich überall und jeden tag. er treibt uns selbstredend an. und wenn es einem zuviel wird?

dann geht man auf den wochenmarkt und vergleicht feilgebotene werte in farbe und zum anfassen!