super.acht.umkehr

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fotos: felix liebig, 24. februar 2012

das thementage-spezial „unorte abwege blickwinkel dings…“ des werk.stadt.laden vom 17. bis 29. februar 2012 begann mit einer spionage und endete mit einem screening.

einstieg war die wohnzimmerspionage_acht des kultur!ngenieurs in löbtau. thema UNorte. dort wurden urbane anomalien vom fleischerladen bis zum straßenkreuzer in augenschein genommen wie die nachlese im artikel zeigt. zum ausstieg verhalf eine eilmeldung mit dem folgenden ausgehtipp, bei dem filmische abweichungen in augenschein genommen wurden:

Dagie Brundert, die anleitende Super8 – Queen ist anwesend.
Alle Filmemacher sind anwesend.
Es gibt Sekt, Häppchen und die Filme der Teilnehmer.

Authentisch projiziert über einen ratternden Projektor.
Seid dabei und werdet Zeugen vom Ende der Ära eines Mediums.
Absolutes Muss – hip, underground & schlüpfrig.

vom 24. bis 26. februar 2012 fand im werk.stadt.laden ein super 8 filmworkshop (wiki) mit dagie statt. in knapper zeit sollte jeder teilnehmer oder jede gruppe einen super 8 film drehen, also eine ca. 3-minütige filmrolle mit bildmaterial zum thema UNorte ABwege BLICKwinkel füllen. wohlgemerkt: in schwarz-weiß umkehr! und mit den (fast) letzten filmrollen ihrer art. aber: nicht am ende mit ideen.

die verkehrung und das transitäre sind grundelemente des dérive (wiki eng).

für mich als spaziergänger und beobachter, tauschten sich in dem workshop die kulturräume: dagie kam nach dresden-löbtau und ich ging nach berlin. transition. dem stadtspaziergang mit marc am 24. februar mit dem thema ABwege folgte ich noch und ließ die ersten zaghaften schritte der teilnehmer mit der super 8 cam hinter mir. erst am 26. februar 2012 konnte ich dann die ergebnisse der zwei letzten tage als rückkehrer aus berlin zum screening in augenschein nehmen. augenscheinlich wurden zwischen spaziergang am freitag und screening am sonntag ungezwungen die möglichkeiten des mediums ausgelotet.

zuerst begegnete ich natürlich dagie brundert. bunte frau mit jüdischer nase. mir rutschten ein paar verkehrte sätze raus beim bekanntmachen, aber das gehört vielleicht zum geist des workshops dazu. danach genoss ich ihren arbeitsfluss im unermüdlichen und weitgereisten erklären des mediums gegenüber den zum laden hereinschwappenden teilnehmern. im wesentlichen stellte sich heraus, dass super 8 tot, aber irgendwie doch noch lebendig ist. jedem ende wohnt ein anfang inne. wunderbar. aber der mythos des beinahe aussterbens macht die sache natürlich interessant!

beeindruckend war der stadtspaziergang. und transitär. und irgendwie verkehrt. wenn auch nicht ganz ungeplant, sondern durchaus dramaturgisch gedacht. denn auf jedem der von marc mit beachtlicher ortskunde und gründlicher planung auf die spaziergangskette gefädelten orte stellte sich erneut das bewusstsein ein: die stadt ist abwegiger als viele glauben. – und das ist gut so. ob alte garagen mit undefinierbarem inhalt, ob durchgangsbrachen mit nur erahnbarem nachtleben, ob in sich als cinematografische meisterwerke der kulisse wahrnehmbare parkdecks von suburbanen shopping malls mit preussischen namen – alles ist verkehrt-unortig, transitär-abwegig, untergründig-schlüpfrig. und es gibt erstaunlich viele solche orte. der stadtspaziergang als (ab)folge dieser orte war zudem ein saftes eintauchen, eine transition, vom tag in die nacht. am anfang der gartensparte an den drescherhäusern war es noch dörflich-hell, an deren ende flakerten bereits die scheinwerfer der autos im weißeritzgraben zur blauen stunde.

der super 8 film dann, besser die elf entstandenen filme begannen im übergang von löbtau nach friedrichstadt, im subrubanen zwischenland und zeigen das flüchtige der stadt eindrucksvoll und auf besondere weise „lesbar“ in ihrer schwarz-weiss-umkehr-ästhetik. das auge muss sich umstellen, es wird zum genaueren und verkehrten sehen gezwungen und entdeckt so neues, sieht ungesehenes – mithin bei unsteter abspielgeschwindigkeit und einem nur im rattern des projektors oder den exklamationen des publikums liegenden soundtrack.

abkehr in der umkehr.

weg vom klischee, hin zum eigenartigen. raus aus dem konsum, rein in die produktion. stadt ist nicht die urbane matrix für immergleiche werbebotschaften und alltagsexistenzen. sicher auch. sie ist aber vor allem und für uns das gewebe unserer träume und aneignungen. hier wird das fahrrad zum absurden vehikel, hier sind hunde komische zappelwesen, hier sind zwei frauen merkwürdig erotische zwerge auf (anderen, urbanen) spielplätzen.

gut also, dass die stadtwerkstatt „löbtopia“ am 29. februar 2012 den würdigen abschluss der thementage bilden wird mit einem architekten, der spielplätze und besonders solche in löbtau baut.

wohnzimmerspionage #10.1

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fotos: felix liebig, sebastian löder – 20. april 2012 – fotos sind z.t. spionagebedingt unscharf
text(e): felix liebig, sebastian löder

das wiederseh’n war in der tat ein zusammentreffen mit alten bekannten: der friedrichstadt, na klar, aber auch menschen, die der kultur!ngenieur nicht erwartet hätte an diesem abend. eine freude! gefreut habe ich mich ebensosehr über udo wargowske aus dem päppelmannhaus und erich riedel von der ig historische friedrichstadt als ortskundigen, geistreichen bis hintersinnigen und illustrativen kulturspionen. ihr wissen ist hier niedergeschrieben. danke.

anbei die destillierten ausführungen des partnerblogs „halbrundes zimmer“ und dort auch die bilder:

„Im Dunkeln die Friedrichstadt erkunden. Geschichte und Geschichten von Adeligen, Hausbesitzern, Brunnen und Schnellrechnern. Den lyrischen Keller gesucht, eine geschlossene Gesellschaft gefunden, Landartstimmung mit Echtholz im Neubaublock, Bessersche Wandbilder und Reste/Überschiebungen verschiedener Lebens- und Bauzeiten an fast jedem Haus und jeder Ecke. Die Friedrichstadt ist schon ein besonderes Fleckchen.“

auf dem beinahe U-förmigen spionagegang durch die südlicheren teile der friedrichstadt begegneten uns Unmengen Untergründiger Utensilien – mit anderen worten: die friedrichstadt scheint ein ausgesprochen dienstbarer stadtteil zu sein. von a wie altenpflege bis w wie wachsbleiche betrieb und betreibt man hier so ziemlich alles, was mittelbar und unmittelbar mit dem haushalt und so auch dem wohnen zu tun hat. also gar nicht so privat und doch hat jeder bewohner ja auch irgendwo dort oder an vergleichbaren orten gearbeitet. vielleicht erhellt daraus, warum der stadtteil auch heute noch so „abgelegen“ erscheint. er war und ist ein versorgungszentrum von alters her. hier war das vorwerk der könige. im ostragehege nebenan wurde erst gejagt und später geschlachtet.

das kleine kulturalphabet zur lage des privaten haushalts in der friedrichstadt:

mit A fing in der friedrichstadt nicht alles an, sondern hörte vieles auf – wie abriss. noch 1989 es gab man signal zur sprengung auf der schäferstraße. da standen die plattenbauten auf der südseite schon. so gibt es durch den wendebruch hier jede menge brachen. die machte das kulturprojekt „R.A.U.M.citybrache“ zum inhalt und projektraum. eine B wie brauerei an der bräuergasse oder auch einen „bananenrichter“, bei dem es – wenn denn mal – die gelben krümmlinge gab. schon vor dem krieg. das hat eine gruppe um den herrn B wie besser im projekt C wie „citybilder“ nun an der brandwand der adlergasse 16 aufgegriffen. dieses und das haus um die ecke gehören noch heute dem nachfahren emil richter, der zwei plaketten zur familiengeschichte in dem haus wachsbleichstraße 1 anbrachte. die D wie dinterstraße ist wie auch die vorwerkstraße heute vom krankenhauskomplex unterbrochen. an ihrer ecke zur wachsbleichstraße fand sich ehemals ein friseur namens philipp. ein E ist mir nicht Untergekommen. im zentrum steht dafür F wie friedrichstadt. besser gesagt Zentral, denn im anderen kulturverein im stadtteil, dem friedrichstadtZentral gab es am tag drauf die sichtIbetonIungIsieben. die lud zum „tanz der klischees“. weiter oben am hohenthalplatz gab es eine G wie gullideckelfabrik mit dem illustren namen „kelle & hildebrandt“. noch heute findet man sie in der stadt – die gullideckel. H wie „hilde’s bierstuben“ standen drüben an der schäferstraße. nicht das einzige lokal im viertel. in einem anderen in der bräuergasse gab es angeblich mehr als genug schlägereien. die jungs vom hafen waren nicht weit. übrigens hieß „1/4 friedrichstadt“ ein projekt des riesa efau, dem wir heute die geäzten metallschilder mit geschichtlichen und kulturellen hinweisen an laternen im stadtteil verdanken. I und J sind leider nicht verzeichnet. aber K wie kristallpalast war einer der knüller auf unserer runde. ungefähr am heutigen ort der L wie lyra stand nämlich einst ein prachtvoller ballsaal. ob das coop himmelb(l)au bzw. die ufa bei ihrem renommierprojekt, dem kristallpalast an der petersburger straße wussten? aber den hat wohl der volksmund erfunden. im übrigen ist die lyra als kneipe vermutlich in den kellern des damaligen ballhauses eingerichtet, wo man noch heute kegeln kann und nur ein pförtnerhäuschen auf der oberfläche der erde von den dionysischen abgründen im Untergrund zeugt. wir hörten frohe stimmen und trauten uns dann doch nicht in die tiefen. achtung: verwechslungsgefahr. denn die lydia war die angeblich erste christin. das kann zu blitz und donner zwischen himmel und hölle führen. folgt M wie „meisel’s“ brauerei. noch eine, die nahe der schäferstraße gewesen sein soll. mit M spricht sich auch das wort mauer, das der wachsbleichstraße ihr etwas undurchsichtiges gepräge gibt. und N wie neptun heißt der gute mann, der dem brunnen hinter ebendieser mauer seinen namen lieh. wenn er wüsste! der brunnen ist nun im zweiten sanierungsabschnitt, das komplette becken ist weg und die randsteine beiseite gestellt. interessant ist, dass ein paar schritte weiter ein garagentunnel bedenklich nah an den brunnen führt. zu allem guten auch das nicht so gute: N wie nazibauten, sie gesellen sich an der ecke berliner / vorwerkstraße in das vielschichtige bauhistorische bild der friedrichstadt von barock bis gegenwart. nicht o, aber die ö wie ölmühle stand einst direkt an der weißeritzstraße. sie ist schon lange weg. das bild eines freundes finde ich nicht mehr. es hängt noch in der ausstellung der ag stadtdokumentation im kino in der fabrik. die „citybrache“ hatte zuletzt ihre lettern an dem giebel des baus. nun steht das betonarmierte hinterhaus neben den losegebrochenen steinen des bruders allein auf weiter flur. auf dem grundstück war ehedem ein gemüsehändler, später ein trödler und heute ein sandsteinlager. das alte dresden wird hier nun in „berliner-mauer-andenken-format“ verkauft. das P wie pfarramt stand anstelle des heutigen schwesternheimes am hohenthalplatz. man kann es nur ahnen, denn der friedhof ist gleich nebenan. R wie riesa darf nicht fehlen. das „stadt riesa“ war ausgangsort dieser zweiten spionage in der friedrichstadt und versteht sich für viele als „wohnzimmer“ des stadtteils, gar der stadt überhaupt. riesa efau – dazu ist nicht viel zu sagen, denn der kulturverein spricht mittlerweile für sich. da war auch ein S wie „schnellrechner“, der früher als die waage und wohl auch der liebe herr im himmel den preis der ware erriet. himmlischer waren sicher nur die schafe beim S wie schäfer am anfang der schäferstraße. doch das ist lange her. zu T fällt mir nur ein: tut mir leid, kein eintrag. bitte schauen sie später nochmal rein. U wie untergründig wurde eingangs erwähnt. sogar einen V wie vogel gab es, allerdings einen der nicht storchengleich kinder bringt, sondern nur kinderwagen zum transport derselben anbietet. früher war auch er an der schäferstraße. es gibt ihn nun nahe dem postplatz. und auch – ein zufallstreffer – in briesnitz unterhalb der kirche. in der W wie wachsbleiche bleichte man übrigens das kerzenwachs, das heute bunt oder doch wieder naturbelassen sein soll. x, y, z – wär nett, aber wurde nicht verzeichnet…to be continued.

ein kurzschluss:

die friedrichstadt wird (hoffentlich) noch einige zeit das experimentierfeld sein, das sie ist. sie dient, sie umsorgt, sie behaust menschen in vielfältiger form. sie hat bereits eine qualität. nur die passt nicht in die bildvorstellungen vieler in dresden tätiger und lebhafter menschen.

tud II

fotos: felix liebig, 17. märz 2012

auf dem zweiten meiner vorbereitenden streifzüge durch den kerncampus der tu dresden begegnete ich in besonderer weise den „eingeweiden“ dieser stadt in der stadt, namentlich dem innenleben des barkhausenbaus im westen und des neuen chemiegebäudes im zentrum des campus. sie sind der hauptgrund für eine neuerliche gedankliche überlagerung mit den schriften des italo calvino in „die unsichtbaren städte„, die ich anhand der tu dresden wiederzulesen gedenke.

„unsichtbar“ ist hier durchaus mehrdeutig zu verstehen. im chemiegebäude traf ich zunächst auf den lichtstrahl aus zwei zimmern, bevor sich mir eröffnete, dass hier zum einen in der küche sehr viel sekt ausgtrunken worden war und zum anderen auch wirklich jemand nebenan arbeitete. das war eine frau, die vermutlich ebenso beängstigt wie schließlich ich sie ansah an ihrem laptop saß. sie musste mich ja schon eine weile gehört haben und das gebäude schien doch so gut wie verlassen zu sein. beschämt über diese begegnung voller vorurteile machte auch ich mich physisch in ein anderes geschoss davon, während die frau hoffentlich aus ihrem inneren exil entlassen war. die frage blieb denoch, ob ein gespräch über diesen verflechtungsraum zweier menschen in einem gebäude nicht gut gewesen wäre. ich wollte ja niemanden stören. in einem labor lief zudem noch (film)musik und ich fühlte mich tatsächlich auf einmal unheimlich. vielleicht sollte ich hier nicht zu genau stöbern?

andere dinge sind so sichtbar wie der helle tag und werden dennoch nicht gesehen. das sind neben obigen mikroskopischen bzw. sozialen innereien die auch bei calvino beschriebenen greifbaren „eingeweide“ namens klimaanlagen und heizungsrohren oder notdürftig der heutigen bauordnung angedienten nottreppen usw., die überall da, wo niemand so genau hinschaut ins auge springen. die tud hat ein vorne und ein hinten. sie hat auch ein außen und ein innen. sie ist lebendig. sie ist ein körper und besitzt vielfältige organe. ein organismus.

wie im großen, so im kleinen, repräsentiert auch das obige chemiegebäude diese idee, und der barkhausenbau. der barkhauseneffekt, der im foyer digital auf einem touchscreen beschrieben wird, steht zudem sinnbildlich für viele vorgänge im täglichen leben. frei interpretiert: erst mit einer gewissen redundanz „springt“ in vielen lebensbereichen die akzeptanz oder überhaupt die wahrnehmung eines sachverhaltes. wir alle sind sozusagen geplagt von „weisschen bezirken“, die sich einer veränderung in unserem umfeld (dem magnetfeld) entgegenstellen, bis sie nicht mehr anders können. aber es geht hier um ein gebäude, das in seiner räumlichen und beinahe syn-ästhetischen vielfalt beeindruckend ist. nicht nur, weil unterhalb des foyers – wie ich erst nachher durch prof. fritsche erfuhr – ein, nein das akustikmodell der semperoper stehen soll, die für ihre klangliche rafinesse stets gelobt wird. imponiert hat mir auch wie frei sich mensch hier am wochenende bewegen kann, wenn er glück und guten sinn hat. die abseitigkeit und auch poetik von orten an der tud kann da hautnah erlebt werden, wo über jahre der staub liegengeblieben ist und nur eine stiege bzw. das sich-treiben-lassen im raum gegen jede vernunft die hintersten winkel sichtbar werden läßt. doch auch hier waren schon vor mir menschen. es ist nicht der mond. es ist die in vielen schichten auch heute noch wachsende bauliche verkörperung menschlicher bedürfnisse zwischen heerer wissensvermittlung und bloßem dasein. vom breiten gang in die schmale nische, vorbei an der toilette und dann auf einmal der weitläufige und treppenknarzende hörsaal! auch das eine art „barkhausensprung“. italo calvino hätte seine freude daran.

auch hier wieder: die vielfalt der bilder ergibt die komplexität des eindrucks von diesem raumgebilde tu dresden. wer wagt, gewinnt eindrücke…

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tud vergangenheitsspuren

DMV_ADD_20120307_gesamt-4_sel

foto: amac garbe, text: jana schäfer

am 7. märz 2012 schreibt die unabhängige regionale hochschulzeitung „adrem“ anlässlich des 8. dresdner marktes für geschichte und geschichten in ihrem artikel „vergangenheitsspuren“ auf seite vier über den kultur!ngenieur und seine campussp!onage.

das freut!

vielen dank an klaus brendler (geschichtsmarkt), jana schäfer (adrem redaktion) und amac garbe („zentrale für schnelle fotoeinsätze„)

hier der artikel in der adrem vom 7. märz 2012 als pdf.