Make-Shift Report

Text: Felix Liebig & Jan Minack
Bild: Felix Liebig, 6. Oktober 2012

7. Oktober 2012

Die internationale interdisziplinäre Konferenz „Make_Shift, the expanded field of critical spatial practice“ fand am 6. Oktober 2012 an der TU Berlin im Institut für Architektur auf der Straße des 17. Juni 152 statt. Zu den Einzelheiten des Projektes, Kooperationen und Teilnehmern steht auf den Seiten der Veranstalter KW Institut for Contemporary Art, Urban Drift Projects, IBA Berlin 2020 und TU Berlin, Fakultät Architektur mehr zu lesen (diese werden hier nicht weiter behandelt).

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Make_Shift ist das Improvisieren. Ein make-shift shelter im Englischen ist auf Deutsch eine Behelfsunterkunft. Die Konferenz fand in englischer Sprache statt; Kritik vorweg: Der Zeitrahmen war zwischen 11 und 19 Uhr eng gesteckt. Auch in dieser Konferenz glänzten einige aus der vielleicht zu umfangreich besetzten Rednerliste mit unpräzisen und gedehnten Vorträgen. Eine Vortragsredaktion bzw. -kuration ist scheinbar mehr als schwierig. Die Diskursmehthode der Konferenz aus drei Rednerblöcken (Panels) mit jeweils abschließender Diskussion, die allerdings zwischen den eingeladenen Rednern und ebenfalls eingeladenen Antwortern (Respondants) stattfand, ließ für das wirklich zahlreiche rund 100-köpfige Publikum zu wünschen übrig. Beim Mittagsessen gab es wider die Agenda der meisten Teilnehmer Klassentrennung zwischen Brezel mit Getränk für die Teilnehmer unten und Teigtaschen, Suppe und Wein für die geladenen Gäste oben. Schließlich kam der Saal lange nach der Uhr und bereits im Abschied von der Konferenz auf das entscheidende Thema: Was machen wir am Montag für die Arbeit am Besseren? Sind die politischen und ökonomischen Instanzen der Zeit noch tragfähig für eine selbstwirksame Gesellschaft?

Selbstermächtigung ist Trumpf; auch der intellektuelle akademische Diskurs hat noch immer nicht das Tor zur Straße und zum „wahren Leben“ geöffnet. Die Geladenen verkrümelten sich nachher in ein Restaurant und die Besucher taten das ihre an anderer Stelle. Es wird Zeit!

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Das klingt vernichtend, aber die Konferenz war trotzdem eine Fundgrube! Deshalb hier eine Kritik der kritischen Raumproduktion. Imposant und relevant waren für mich drei der insgesamt 13 Vorträge in den drei Panels. Allesamt kommen von englischen Muttersprachlern, die nicht nur ihre Sprache, sondern auch den rhetorischen Klarsprech und die argumentative Prägnanz beherrschen:

Prof. Jeremy Till vertrat die Kernidee einer „spatial agency“, d.h. einer raumbezogenen Anwaltschaft der Akteure, in der die soziale Konstitution / Produktion von Raum das Leitbild und das sozialräumliche Urteilsvermögen, geteiltes Wissen und kritische Aufmerksamkeit die Werkzeuge sind. Unter selbigem Titel ist ein Buch erschienen, das noch zu wenige gelesen haben und die Website gibt Auskunft über Akteure. Till gibt damit einen klaren Hinweis auf die zeitgenössische Politik des Raumes fernab von Stadträten und Mediendiskussion.

Inderpaul Johar von von 00:/ formulierte eindrucksvoll stimmlich moduliert unter dem Titel „back to architecture“ die wichtige und noch im Einzelfall zu prüfende These: „Wir müssen uns unsere Hände schmutzig machen.“ Nicht nur Wissen, sondern auch Architektur können und müssen seiner Meinung nach von allen geteilte Produkte außerhalb des technokratischen Formlismus sein („open source“). Das Beispiel des „Wiki-House“ zeigt dies.

Francesca Tonkiss schließlich gab mit ihrer Expertise zu verstehen, dass die–neoliberal motivierte–“permanente Krise des Wohnungsbaus“ (Peter Markuse) und der „privatisierte Keynesianismus“ (C. Crouch) neue Instrumente im Umgang mit kommunaler und staatlicher Landvergabe und den geschärften Blick auf ein „Soziales Kapital“ verlangen, vermeindliche Sparzwänge kiritsch zu hinterfragen sind. Mit einem „kommunalen Liegenschaftsfonds“ solle „langsameres Geld“ und „mehr Engagement“ für die Projektentwicklung im Sinne des Nutzers erreicht werden. Allerdings hindert uns hier die Sprachhürde oder auch der „weichere Kapitalismus“ in Deutschland am besseren Verständnis, denn der Liegenschaftsfonds Berlin und dessen Wirken wurden in derselben Konferenz nicht minder kritisch hinterfragt.

/////// Im weiteren Kreis dieser von mir so empfundenen Keynotes staffelten sich keine ganz neuen Inhalte:

Die Initiative „Stadt Neudenken e.V.“ aus Berlin war nicht im Panel, wohl aber im redeaktiven Publikum vertreten und reagiert genau auf diesen Liegenschaftsfonds. Die Frage wie man denn in verkrustete politische Stadtentwicklungsdiskurse konstruktiv eingreifen könne („die Demokratie neuaufstellen“) hing als Wolke über der Diskussion. Mit Blick auf die sog. „IBA alt“ von 1984 und die avisierte Neuauflage IBA 2020 mit D.I.Y.-Elementen (do it yourself = mach es selbst) regnet es da nicht unbedingt neue Instrumente. Klar war trotz Wolkenverhang an diesem Tag, dass es um eine „soziale Stadt“, soziales Kapital, soziale Raumproduktion, sozialen Wert, soziale Wirtschaft, eben einen gerade gut nutzbaren Begriff für eine schwer zu vollziehende Veränderung geht. Nur: Was ist Sozial?

Alle Beteiligten waren Architekten, Stadtplaner, Geisteswissenschafter, einige Künstler, die aus einem akademischen Kontext das Problem diskutierten. Keiner war im Sinne der „dreckigen Hände“ Indy Johars von der Straße. Die Ausschließlichkeit dieses Zirkels und seiner Formalien steht dem durchaus guten Ansinnen folglich im Weg. Mit dem Architekturhistoriker Wouter Vanstiphout und der Autorin Hannah Arendt gesprochen („Die Banalität des Guten“, durch Vanstiphout abgleitet von der „Banalität des Bösen“ bei Arendt) müssen wir uns entscheiden wohin wir mit unserer Motivation für das Bessere wollen. Dabei scheint es auf einen mentalen Status Quo der Improvisation anzukommen, eben nicht in das Formale, das Abgrenzende, schlimmstenfalls das Totalitäre zu verfallen. Haben wir denn angesichts heutiger politischer Verhältnisse eine andere Wahl? Haben wir eine tatsächliche Offenheit für Kritische Praxis? Warum fällt es uns denn so schwer, etwas wirklich zu verändern?

Die Diskussion des ersten Panels gab zu bedenken, dass das „globale Gehirn“ des Web 2.0 nicht unbedingt vereinbar sein könnte mit dem durchaus geäußerten Wunsch „Marx neu zu schreiben“. Die Frage lautet vielmehr: Wie können wir die omnipräsente soziale Ungleichheit, die uns sogar im kritischen Handeln beschränkt, überwinden? Nach der sog. „Wiedergeburt der Geschichte“ (Nach dem Buch „The Rebirth of History–Times of Riots and Uprisings“ von Alain Badiou) im „arabischen Frühling“ oder der „Occupy-Bewegung“ wurde im Panel eben nicht von Bildung als einem Hauptproblem samt der damit verbundenen notwendigen Resourcen gesprochen. Leider.

Natürlich können wir als Schnittstellenakteure in einer wachsenden Förderlandschaft auf Mittelacquise gehen um Menschen den Zugang zu Wissen und Mitwirkung zu ermöglichen. Damit können wir punktuell gemeinnützige Ressourcen im Sinne der „Allmende“ (heute „Commons“) generieren. Bei Make_Shift war allerdings kein Raum für die Auseinandersetzung über konkrete Beispiele zur Umsetzung einer bildungsorientierten Raumproduktion, einer „Raum_Bildung“ bzw. „Nutzergenerierten Architektur“ wie sie der Kultur!ngenieur seit längerem diskutiert. Auch konnten nicht die Probleme diskutiert werden, die viele der anwesenden Akteure im Umgang mit Ämtern, Politikern, Medien und offensichtlichen Hemmnissen in der Weltanschauung nicht mehr (?) haben. Das Bauen und die Stadt dürfen eben nicht zur Hülse eines Spekulationsmarktes werden, in dem sich die Menschen räumlich weder identifizieren noch ökonomisch verankern können. Vielmehr sollten sie selbst zur Raumproduktion in der Lage sein und müssen dazu freilich ausgebildet werden–von Anfang an. Die aktuelle, von Marcus Clausen („Prinzessinnengärten„) kurz eingeflochtene, Debatte um das Bildungsniveau in Berlin bestätigt dies.

Noch weniger scheint hier der sich subtil ausbreitende und in Berlin schon genannte Begriff der „Stadtrendite“ angebracht (eine unabhängige Erläuterung blieb das Web leider schuldig). Wir müssen sicher nicht das alte Indianersprichwort vom letzten Baum und dem nicht essbaren Geld zitieren. Wir sind keine Shareholder und auch kein Spekulationskapital des Unternehmens Stadt, wie es viele heutzutage in Ermangelung sozialer Perspektiven und der Übermacht der Zahlenökonomie nachreden. Die „Sellout City“ der Jetztzeit darf nicht das Ziel sein, auch nicht „the rise of the creative class“ (Richard Florida) wie sie nicht nur in Dresden, sondern auch am Tempelhofer Flughafen mit Büros weit über dem Wert einer von Kreativen Kulturproduzenten bezahlbaren Miete beködert werden soll. Auf dem Flughafen scheint nach Tonkiss eine Dreiklassengesellschaft auf „klassischem“ Immobilienmanagement im Flughafengebäude, einer „offenen Bühne“ für Messen und Firmenempfänge auf dem Flughafenvorfeld und der „tolerierten Menge“ auf dem Flugfeld sich zu entwickeln. Wer als geneigter Betrachter das Kraftwerk Mitte und den weiteren Kreis der Entwicklungen bis zum Ostragehege in Dresden ansieht, erkennt hier womöglich Parallelen.

/////// Können wir nicht anders als in Klassen denken?

Langsam wird es langweilig und unkreativ. Ob wir nun sowieso in der Krise leben oder der Kapitalismus stets neue Krisen produziert, ob wir von Oben herab oder von Unten herauf Stadtentwicklung betreiben–das ist Schall und Rauch: Unsere Motivation sollte in den direkten Austausch zwischen Nutzern und Besitzern münden und keinen Halt vor Planern, Politikern oder Medien machen, diese aber stets kritisch zu bewerten und auch einzubeziehen wissen. Ja, ich stelle hier die gängie Denkweise bewusst auf den Kopf. Der Grund: Die „Solidarökonomie“ á la Prinzessinnengärten oder Startnext (Crowdsourcing & Crowdfunding) ist sicher ein Anfang, wenn auch nicht immer das probate Mittel. Eine Volksabstimmung wie es sie im schweizer in Zürich am Beispiel des genossenschaftlichen Wohnungsbaus gibt, ist für Berliner oder Dresdner Verhältnisse noch in weiter Ferne. In Zürich entschieden die Bürger, dass bis 2050 die Stadt und die Genossenschaften 33 % genossenschaftlichen Wohnungsbau in der Stadt zu entwickeln hätten. Zürich ist damit bereits gut ausgestattet, Dresden sicher auch. In Dresden gibt es jedoch keinen kommunalen Zugriff mehr auf die Wohnungsbestände und auch nicht sichtbar ein genossenschaftliches (geteiltes) Baurecht, womit dieser Stadt symbolisch konstatiert werden muss: AUSVERKAUFT!

Vielleicht müssen wir den archimedischen Punkt wirklich mal in Cottbus ansetzen und von Berlin aus Dresdens Entwicklungslethargie aushebeln…

L.E.

fotos: felix liebig, 14. februar 2012

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ein mehrtägiger kulturspaziergang in leipzig.

aus lindenau sicht, von einem sozialen umfeld kreativer unternehmergeister aus und mit blick von einer veranda gleich am straßenbahnhof angerbrücke erschließt sich leipzig als ort konstruktiver spinnerei mit einem lebendigen urbanen narrativ. hier wurde ich wunderbar aufgehoben von einer modedesignerin, einer künstlerin und einer theater- und filmwissenschaftlerin.

warum genau sich leipzig gern als L.E. tituliert weiß ich bisher nicht. gewiss liegt es nahe. eine mögliche referenz auch aus meiner perspektive auf stadt liegt natürlich in L.A., los angeles im westen der usa. ob leipzig über die lautsprachliche ähnlichkeit hinaus eine himmlische stadt ist, bleibt fraglich. meine gastgeberin „liebt“ leipzig ausdrücklich, als zugezogene. auf der karl-heine-straße gibt es an einer fassade eine passende lichtinstallation „liebe“ neben anderen auf anderen fassaden wie „glück“. dazu ein link zum „hohen wort“ über das quartiersmanagement (qm) leipziger westen.

ein engel ist auch die freundin nur soviel wie sie ein teufelchen ist. und das ist gut so. im literarischen kontext gibt es eine weitere referenz. soeben halte ich das buch von christa wolf „stadt der engel oder the overcoat of dr. freud“ in händen. die autorin hinterfragt das glorreiche amerikanische bild der eroberung der welt mit der tiefsinnigkeit und vergangenheit einer deutschen geschichte in ihrem scheitern an der welt. dr. freud wirft seinen wenig engelshaften mantel über das heere bild…

wieviel mythos hat L.A.? welchen mythos hat L.E.?

soviel spinnerei muss sein. von lindenau und plagwitz aus haben menschen wie karl heine und die vielen arbeiter in den fabriken der industrialisierung zu ihrem heutigen mythos verholfen. auch meine mutter hat noch als studentin in der leipziger baumwollspinnerei der 60er jahre für ein nebenverdienst spulen gesteckt. der künstler maix mayer war 2011 auf den spuren der abbaugebiete der leipziger baumwollspinnerei in „deutsch-ostafrika“ im heutigen tansania auf einen (baobab)baum und einen wasserturm gestoßen, sonst nichts. zwei symbole, je eines für natur und kultur, erzählen noch von der kolonialisierung, auf deren rücken auch leipzig prosperierte. der rest ist vergangen und von den zeitläuften überholt. die arbeit „cine afrique“ dazu ist derzeit im „archiv massiv“ der spinnerei zu sehen. in einem bildband von marc mielzarjewicz namens „lost places“ sind viele der anderen industriestandorte im leipziger süden und westen abgelichtet und erfreuen sich im reellen kulturellen bewusstsein auch über geocaching, location scouting und urban exploration usw. anhaltender beliebtheit. hier die website des autors. und hier ein weiterer link zu der sehenswerten filmdokumentation „lost place L.E.“ von enno seifried. die lost places sind heute wie auch die arbeiterhäuser der gründerzeit kulturkerne einer als kreativwirtschaft bezeichneten gemengelage von kulturarbeitern, denen die stadt raumsoziologische bedingung ihres daseins ist. der dokufilm hat sich übrigens über das crowdfunding finanziert. L.E. ist allerdings kein lost place.

der spaziergang bringt so zunächst phänomenologische, also stadtanatomische eigenheiten ans licht, erst später in gesprächen und recherche erschließen sich dahinterliegende komplexe. dr. freud lässt grüßen. gründerzeit ist in leipzig vordergründig nichts anderes als z.b. in görlitz, wo ich zuletzt war. wie dort gibt es in leipzig neben prachtvoll sanierten und liebevoll gehegten bauten die vielen hohlen zähne. den leerstand. die winkel und nischen. die blau, grün und im bau bereits silbern verkleideten altbauten. und natürlich kulturelle ein- und aufschlüsse aus allen epochen. und auch die menschen in diesen räumen. besagte gastgeberin ist von der architektur in die mode gewechselt und arbeitet derzeit unter dem label „made by yve„. leipzig bildet womöglich das architektonische sinnbild dafür als urbanen hintergrund ab:

dr. freuds mantel oder des kaisers neue kleider?

man weiß es nicht. wohl weiß mensch, dass darin nicht nur unter dem dach der „wächterhäuser“ experimentierraum liegt. ob mit kunstprojekten wie „kollektion lindenau“ der künstler maix mayer und stefan rettich (link über die stadt) oder mit der „vleischerei„, wo es „vöner“ gibt, oder mit der „skorbut“, einer art off-pub auf der dreilindenstraße 1 gleich gegenüber der ebenso zeitgenössischen kaufland-baustelle oder oder oder. die skorbut ist übrigens eine alte vitamin-mangel-krankeit, die schon die ägypter kannten … (unabhängige) kultur will sinnvoll genährt werden.

so liest sich die stadt leipzig von lindenau aus tatsächlich wie mit den „eselsohren der stadt“, die peter wawerzinek in seinem buch „das kind das ich war“ in konträren mecklenburg-ländlichen kontext beschreibt. an neuralgischen punkten knickt das urbane fluidum der häuser um und eröffnet einblicke, durchblicke, ausblicke: eine poesie der stadt, in der die menschen die hauptrolle und ihre kreativität die dramaturgie spielen und viele von ihnen ihre lebensnarrative entwickeln. ein inkubator. jene freundin arbeitet über dem „neuen schauspiel“ in einer ehem. druckerei im hinterhof der lützner straße 29, wo mitstreiter der „hackstatt“ am eigenen stammtisch bei meinem atelierbesuch gerade über die einrichtung eines „fab lab“ diskutieren oder andere mit dem pinsel und viel terpentin in der luft ihrer malerei nachgehen. hier wird geschichte gemacht und nicht soviel über geschichte geredet.

das scheint mir als gast der entscheidende unterschied zwischen dresden und leipzig.

der passende soundtrack könnte textlich von der band „fehlfarben“ im titel „ein jahr (es geht voran)“ kommen, ist aber geschichtlich differenzierter belegt. christa wolf arbeitet im genannten buch ein ereignis in ihrer lebenszeit literarisch auf, das exemplarischer mein ansinnen darstellt: vom „virus der menschenverachtung“ ist die rede. dieses aufarbeiten und dessen zeitgenössische formalisierung in medien und politik in dresden zum 13. und auch 18.2. war ein grund für meine temporäre ‚ausreise‘, wenngleich das thema dennoch im raum lag und liegt und in vielen gesprächen beschäftigt. die perspektive von L.E. aus war hier hilfreich. in leipzig steht im stadtmagazin kreuzer (ausgabe 2/2012) dafür mit klaren worten die haltung der protagonisten zum rechtsradikalismus. öffentlich, ohne druckserei. und das ist im stadtraum nachvollziehbar. es wird gesagt wo und mit wem es probleme gibt. offen. kein freud’scher versprecher, sondern tacheles in der jetztzeit. geschichte ist hier lebendig, alltäglich, aber kein doghma, keine projektion, meine ich.

vergangenes ist teil des jetzt. in L.E. – vielleicht doch eher dem recht vitalen westen von leipzig – fängt stadt jeden tag neu an ist mein eindruck. neben der gründerzeit sprießt das einfamilienhausidyll. schulter an schulter. gleich dahinter grassiert die industrieruine. dazwischen drängeln sich nun kreativwirtschafter und die ausdauernden hausbesetzer. ein lob auf die vielfalt. „ort der vielfalt“ will leipzig sein und schreibt es an jedem kulturellen ort der kommune auf eine plakette. eigentlich gibt es neben dem rechtsradikalen und rechtspopulistischen gedankengut und den offenkundigen gründen dafür hier gar nichts zu beklagen. eigentlich. wenn da nicht ein schwerwiegender komplex wäre:

geht mensch auf seinem kulturspaziergang gleich hinter der spinnerei in die kleinen straßen mit den kleinen häusern, empfängt ihn bedrückend biedere aura. freiheit Aushalten! heißt hier wie überall selbstverständlich „Ausfahrt freihalten!“. das private wird zähnefletschend und symbolüberladen verteidigt. jedem seine kleine welt aus haus und garten und eine digitale flatrate und einen flughafen mit direktanschluss für die große welt. was privatheit, globale flatrate und flughafen miteinander zu tun haben, erörterten auf dem performance-festival „aus flug hafen sicht“ 2008 die künstler jan caspers, anne könig, vera tollmann, jan wenzel in ihrer arbeit „was du wissen solltest (die zukunft)“. leipzig schlägt nicht nur pakete und urlauber um, auch soldaten. fragen sollte man besser nicht stellen und seine nuegier auch zurückhalten. was das vor ort heißt: beim fotografieren werde ich von einem bahnmitarbeiter – station plagwitz ist nebenan – mit bierseeliger stimme gefragt, wofür ich das mache. auf die antwort es sei für mich, kommt die obligatorische nachhut das sei „privatbesitz“. wie eigentlich alles heutzutage, kontere ich lakonisch und fotografiere an der nächsten straßenecke einen spionierenden gartenzwerg mit fernglas über einer buchsbaumhecke hinter zackigem zaun. dr. freud würde sich vielleicht die haare ausraufen an diesen patienten einer kruden kultur, in der menschenverachtung nicht mehr von menschen selbst, sondern den ihnen unter die füße geschobenen sogenannten gesetzmäßigkeiten des (kapitalisitischen) lebens geäußert wird, ergo nicht mehr hinterfragbar oder denn an- oder auch nur begreifbar ist. an anderer stelle bricht es aus einem ateliernutzer heraus: „demokratie ist eigentlich auch faschismus.“ nun, ich würde zumindest auf die totalität des kapitals in vielen lebenslagen und seine zugrundeliegende mechanik verweisen und fragen:

wo sind die echten freiräume für menschen, wenn alles besessen wird und jedes hoftor als symbol dem territorialwahn angedient werden muss? kann sich leipzig die janusköpfigkeit aus zivilem und militärischem handel als ort der vielfalt leisten?

unabhängig von den abgründen der handels- und kaufmannsstadt beeindruckt in L.E. als kosmos weniger die urbane als vielmehr die kulturelle dichte und macht doch mut. global- steht neben lokalbewusstsein. leipzig steht im kräftespiel aus tradiertem handel und new trade. nun verstehe ich die modebegeisterte freundin und ihre „liebe“ zu leipzig. städtebaulich ist hier viel raum, manchmal zuviel, ab und zu sicher auch zuwenig. literarisch, historisch, künstlerisch, unternehmerisch, architektonisch gibt es viele ansatzpunkte für die leipziger freiheit. beides bedingt sich. bestimmt auch in den „höfen am brühl„, die von der „blechbüchse“ vorübergehend zum „hochbunker“ mutieren und urbanität in die kulisse der privatwirtschaftlichen zweckarchitektur verlagern. oder in der doch irgendwie fortschreitenden – darf ich es sagen? – gentrifidingsbums wie christoph twickel es mit seinem buch „GENTRIFIDINGSBUMS oder eine stadt für alle“ nennen würde, deren prozesse auch ich schon seit fünf jahren und aus erzählungen viel früher am beispiel L.E. wahrnehme. leipzigs baubürgermeister martin zur nedden findet das alles im kreuzer-interview ‚gut‘ und ’notwendig‘. das muss er kraft seines amtes. meine gastgeber, z.t. zugereiste, finden das alles erstmal normal und haben einen viel selbstverständlicheren blick darauf als einige weniger weit gereiste einheimische. sie lassen dennoch (notwendige) kritische fragen zu. etwa nach dem gefühl der mitwirkung bei vielem, das im stadtteil aufgrund der konsumptorischen notwendigkeiten geplant und gebaut wird. wohlan: alle haben auf ihre weise recht.

hier bin ich nur noch zaungast. wichtig finde ich trotzallem, wäre die interaktion.

mich deucht in L.E. hier wie da und dort das gefühl des aufgehobenseins in einer nachbarschaft, einer haus- oder ateliergemeinschaft, vielleicht auch einer gedankengemeinschaft oder auch nur einer wg oder partei. L.E. scheint vielmehr ein mikrokosmos im leipziger süd-westen zu sein, eine urban-kulturelle anatomie der intermediarität, eine soziale wohnzimmergemeinschaft, die als solches in ihren strukturen, ihrer vielfalt, ihrem fluidum und ihrem sozial-urbanenen narrativ unbedingt erhaltenswert scheint. ein bewusstsein für das dazwischen, für die poesie, die sieht, wer sich z.b. mit dem geocaching im transitraum zwischen lebendiger stadt und lost places gleich nebenan bewegt. oder mit aller gelassenheit und neugier spazieren geht und hinsieht, genau hinsieht und beschreibt. siegfried kracauer und walter benjamin sind die literarischen passanten der moderne gewesen, stehen pate. lucius burgkhardt war es in der postmoderne und begründete die spaziergangswissenschaften. bertram weisshaar oder boris sieverts sind es heute. ersterer lebt in leipzig. mit seinem „atelier latent“ findet er nicht nur hier genug stoff. letzterer ist in köln unterwegs und erkundet stadt, raum und umland mit dem „büro für städtereisen„.

solcherlei urbane narrative möchte der kultur!ngenieur weiter in das bewusstsein der entdeckungslustigen rücken. mit oder ohne freud. engel oder teufel. L.E. hat hier viel zu bieten und versteckt sich im gegensatz zu dresden keineswegs hinter dr. freuds mantel.

schwarzmarkt-report

oder: wenn die fassaden und visagen von identität träumen

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slideshow: eigene aufzeichnungen vom diskurs vor ort

nachdem hannah hurtzig schon 2010 mit dem ‚schwarzmarkt für nützlichess wissen und nichtwissen‘ in dresden zu gast war, folgt nun das ‚das atelier des schwarzmarktes 02 ”jenseits der fassaden und visagen“‚ am 4. februar 2011 im kleinen haus des staatsschauspiels dresden. BITTE DIESEN VERLINKTEN ARTIKEL ZUNÄCHST LESEN!

ein schwarzmarkt bildet die vorlage für den ’schwarzmarkt für nützliches wissen und nichtwissen‘ der  künstlerin hannah hurtzig, der konzeptioneller teil der sog. ‚mobilen akademie‘ ist. eine schattenwirtschaft changiert bekanntlich zwischen lokalen und globalen interessen. neben der tatsache, dass schon beim warten am eingang des kleinen hauses offenbar viele leute vergebens versuchten die veranstaltung zu besuchen, beschäftigte mich die vorstellung, was mich da wohl erwarten würde, da ich zum letztjährigen schwarzmarkt nicht zugegen war. wiewohl, der begriff der ‚identität‘ war seit 2009 ein sehr präsentes schlagwort in meiner arbeit.

wie würde dies hier behandelt werden?

das gefühl auf den markt zu gehen kenne ich mittlerweile ganz gut – der wochenmarkt am hygienemuseum ist zwar kein schwarzer, doch versorgt er einen gut, vor allem mit immernoch vergleichsweise authentischen (echten) lebensmitteln von ebensolchen produzenten. gefeilscht wird hier nur selten, dafür können auch die vehementesten ignoranten nicht verhindern, dass doch irgendwie globales gemüse auf die auslagen rutscht. solches in bezug auf wissen vom ‚atelier des schwarzmarktes‘ zu erwarten fiel mir beim gang zur veranstaltung noch nicht ein. heute finde ich es bedenkenswert.

im mittleren saal des kleinen hauses angekommen, blieb ich zunächst an schwarzen wänden hängen. sodann an zahlreichen menschen dazwischen, die sich offenbar schon um ebenso schwarze tische gruppiert hatten. aber wo war der markt, das atelier? beim schlendern um die versuchsanordnung ging mir auf: der raum war von den schwarzen wänden in drei kompartimente geteilt worden und an den tischen befand sich je ein ‚experte‘, der vermutlich sein wissensangebot feil zu bieten hatte, plus je eine schar von nachfragenden. ob diese ’nichtwissende‘ oder ‚experten in spe‘ sein würden, bzw. wie hannah hurtzig sich das gedacht hatte, sollte sich im verlauf zeigen. von einem markt konnte zunächst aufgrund des fehlens vertrauter assoziationen nicht die rede sein. anekdote: beim rundgang hielt mich hannah hurtzig für den tontechniker. es schien da ein problem zu geben, das die veranstaltung unwillkürlich aufgelockert starten liess. ich landete bei prof. dr. nils-christian fritsche.

und schon wurde klar wie dieses format funktioniert, als nämlich die wände zur seite geschoben wurden und der raum sich zur einführung öffnete. da geht nicht der vorhang auf, es gibt eigentlich drei gleichwertige bühnen auf selber augenhöhe, die – wand hin, wand her – miteinander kommunizieren. so gab es im äther des sprechens und nicht greifbar auf dem tisch dargebotene produkte. eine schattenwirtschaft des wissens, das jedoch exklusiv ist – zumindest in diesem raum.

womit ein wunder punkt erreicht ist: natürlich kostet das alles 5 € eintritt und gewiss gibt es keine breite bevölkerung, die an diesem akademisch inspirierten diskurs teilnimmt. das ‚atelier des schwarzmarktes‘ fand in einem kreis recht vieler bekannter gesichter statt. diese lokale interessengruppe, von der man ahnen kann wie vernetzt sie untereinander ist, bedient sich dabei eines produktes der globalen theater- und performance-kunst. das ist insofern interessant, da die mitorganisierende gruppe ‚die zeitgenossen‘ 2010 eben o.g. wochenmarkt (eigentlich ’sachsenmarkt‘) in das stadtzentrum zu verlegen anregte und aktuell die rede von der privatisierung der restlichen wochenmärkte dresdens die runde macht. DAS MANIFEST DER ZEITGENOSSEN EMPFEHLE ICH ZU LESEN!

wie kommen wir an die wahren bilddiskurse heran, an die produktion gesellschaftlicher visionen?
wie weit kann / muss man den (gesichts- oder gedanken-)kreis für einen bildbestimmten diskurs auf lokaler ebene ziehen, damit man sender und empfänger einschlägiger meinungsbildung in globalen dimensionen gleichermaßen erreicht?

wie lokal war die diskussion über fassaden und visagen? geht es den ‚zeitgenossen‘ nur um architektur? ich finde es streitenswert, ob man den verhandlungsprozess über ‚identität‘ unabhängig vom ’schwarzmarkt‘ nur auf architektur beschränken kann. sollte man ihn nicht vielmehr in den gesellschaftlichen rahmen allgegenwärtigen corporate designs, raumsoziologischer forschungen sowie vermeintlicher medialer meinungsführerschaften stellen um zu klären wo heute die identitäten der zukunft ausgehandelt werden? die experten äussern sich in jedem fall fundiert dazu: so idealistisch–kunstvoll (experte herr schoper, neues buch zum thema! ‚zur identität von architektur‘) oder bildgeführt–prozesshaft (experte herr fritsche, ‚Das Paradox des Sichtbaren – …‘) oder flüssig–exzentrisch (expertin frau voss, nach dem philosophen / soziologen helmuth plessner) ist die identitätsdebatte.

plessner z.b. differenziert zwischen körper haben und körper sein. bei identität geht es um das sein, weil wir identität nicht von natur her besitzen, sondern permanent sozial aushandeln. ‚fassade‘ kommt eigenen recherchen zufolge von der lateinischen entsprechung für ‚angesicht‘. ‚visage‘ kommt von der lateinischen entsprechung für ‚gesichts(sinn)‘, ist aber eher abwertend im deutschen gebrauch (was mit kriegen gegen frankreich zu tun haben könnte?). hingegen bedeutet das englische ‚face‘ auch ‚gesicht‘. wenn die leblose fassade auf das podest der identität gehoben wird, darf die leibhaftige visage mit ihrer sozialen dimension sicher nicht durch den schlamm gezogen werden. frau voss diskutierte ja lebhaft die ausdruckspotentiale des menschlichen gesichts zwischen lachen und weinen und deren relevanz für unser bild von allem, was uns umgibt.

ich glaube, dass identität mehr als eine (begriffs)form ist und nicht nur über ihre ästhetisch-visuelle präsenz, sondern eben auch ihren sinnlichen werdegang sowie ihre soziokulturellen bezugspunkte besprochen – mehr noch: erfühlt – werden muss.

ich würde mir ein ergänzung durch gehendes erkunden im aussenraum wünschen, durch physische interaktion mit den vom schwarzmarkt gehandelten fassaden ebenso wie den echten ‚visagen‘ im urbanen raum!

hier dazu eine eigene anregung auf der suche nach bedeutungszuweisungen im urbanen alltag – „what’s my name?“

wichtig ist, dass ich die zeit im ‚atelier des schwarzmarktes‘ genossen habe, ergo der schwarzmarkt ein eindrücklicher war: die ‚aufgaben‘ des vito acconci gab hannah hurtzig vorab zum besten. (vito acconci: normale kunst: kunst an öffentlichen orten, eine lehrveranstaltung am san francisco institute, sommer 1983.) der wechselnde diskurs spielte sich dann alle ca. viertel stunde zwischen seminarhaftem erörtern eines kernaspektes zum leitthema bei geschlossenen wänden und dem offenen vortragen des jeweiligen experten-statements bei geöffneten wänden ab. fesselnd. es gab nachfragende, die besser feilschen konnten als andere, es gab experten die charmanter feilbieten konnten als andere. nach zwei stunden löste hannah hurtzig das ganze auf in den üblichen small–talk und mancher fragte sich vielleicht:

wat nu?
ich ging nicht leer aus – wie die skizzen beweisen, die zudem schon den zweiten reflektierten aufguss der inhalte bedeuten.

richtig spannend wurde es für mich dennoch erst hinterher: um die ecke, in der hoyerswerdaer strasse 36 steht seit geraumer zeit ein laden leer, der unter dem label ‚fischladen‘ von drei akteuren aus nächster nähe vergeben wird. angeblich gehören diese akteure zur ehem. galerie treibhaus, die leider kürzlich schliessen musste, weil der (schwarz)markt der eigeninteressen lukrativer ist. infos zum laden z.b. auf ‚die neustadt‘ – es gibt wohl eine facebook group. diesmal z.b. waren die nutzer die ‚kunstnomaden‘ mit einer ausstellung.

auch hier werden in einem (halb)öffentlichen diskurs identifikationen gehandelt und vielleicht ist der schwarzmarkt hier noch vielmehr schwarzmarkt als woanders. ich selbst kam aufgrund meines wissens und meiner kontakte als nachfragender (kostenlos und nicht umsonst!) in den genuss eines posters des experten in grafik alexander heitkamp. seine ‚buchstabenorte‘ (bitte nicht buchstaben(t)orte!) schafft eine besondere art der identifikation, wenn auch noch nicht einer identität. so geschehen vor ort: man steht gemeinsam vor einem seiner poster und unterhält sich, wo man denn nun wohnt – am linken zipfel des T oder doch am fuß des E? typografie und topografie haben viel miteinander zu tun! motto:

„typografie macht unsere stadt.“ (heitkamp)

und ist nicht identität etwas, das im durchleuchten der vielen schichten unseres seins in einem steten kulturellen prozess wächst?

erkenntnis: in der bewegung im raum liegt der weg zum verständnis. erst mit dem gegenüberstellen zweier anregungen verstehe ich den kontext. das dazwischen ist wichtig – raus aus der einen kiste, rein in eine andere. während das ‚atelier des schwarzmarktes‘ die kulturellen schichtungen eines identitätsstiftungsprozesses vor allem im gespann ich-haus offenlegen wollte, so erobern sich die ‚kunstnomaden‘ identitätsstiftungen in situ im spiel ich-medium, also mit raum und kulturellen sparten: z.b. der grafik, aber auch der kunst und der mode. die ausstellung war kurzlebig, das ist der wunde punkt: kunstnomaden ziehen nunmal weiter und hinterlassen gesprochene und verbildlichte – über unsere synapsen im kopf und unsere gespräche mit anderen fortgetragene – schnittstellen für identifikation. der schwarzmarkt möchte prozesse verstetigen, indem er sich nicht minder des darüber–redens bedient. die lokalen akteure müssen dies nun vor ort multiplizieren, hannah hurtzig lieferte den prägnanten umraum dazu.

der schwarzmarkt des wissens und nichtwissens ist eigentlich überall und jeden tag. er treibt uns selbstredend an. und wenn es einem zuviel wird?

dann geht man auf den wochenmarkt und vergleicht feilgebotene werte in farbe und zum anfassen!

what’s my name?

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– die ‚moschee‘ ### the mosq
– der ’nudelturm‘ ### the noodle tower
– die ‚laterne‘ ### the lantern
– die ’nase‘ ### the nose
– der ‚fresswürfel‘ ###
– die ‚blechbüchse‘ ### the tin
– die ‚brotdose‘ ### the lunch box
– der ‚papierkorb‘ von… ### the … waste basket
– das ‚loch‘ ### the hole
– das ‚blaue wunder‘ ### the blue wonder
– die ‚zitronenpresse‘ ### the lemon squeezer
– der ‚goldene reiter‘ ### the golden horseman
– die ‚waschanlage‘ ### the car wash – auch ### also:
– die ‚teppichklopfstange‘ ### the carpet cleaning beam
– die ‚giraffen‘ ### the giraffe
– der ‚zahnstocher‘ ### the toothpick
– die ’senfbüchse‘ ### the mustard tin
– die ‚käseglocke‘ ### the cheese cover
– das ‚verlorene wässerchen‘ ### the lost water
– der ‚hundezwinger‘ ### the dog pound
– das ’nürnberger ei‘ ### the nuremberg egg
– der ‚dreck’sche löffel‘ ### the greasy spoon
– der ‚kristallpalast‘ ### the crystal palace
– der ‚kulti‘ ### the kulti
– der ‚rote bahnhofsvorsteher‘ ### the red station manager
– die ’schweinekirche‘ ### the pig church
– der ’schweinedom‘ ### the pig cathedral
– der ’schwibbogen‘ ### the candle arch
– der ‚huckel‘ ### the bump
– die ’schanze‘ ### the jump
– die ‚modrow-halle“ ### the modrow hall
– der ‚panzerkreuzer aurora‘ ### the armoured cruiser aurora
– die ‚höchste hundehütte‘ von dresden ###  the highest doghouse in dresden

in Berlin z.b. ### e.g. in berlin:

– die ‚waschmaschine‘ ### the washing machine
– die ‚goldelse‘ ### the golden liz
– der blitz ### the lightning

in Bad Doberan:

– das ‚klugscheisser-aquarium‘ ### the smart ass aquarium

in Riesa:

– der ‚köhler-pimmel ### the koehler dick

jeder kennt sie – orte und häuser, die auf wundersame weise eigennamen bekommen haben.

manchmal geht das ganz schnell, sogar, bevor z.b. ein haus überhaupt gebaut ist (wie die ‚waschmaschine‘ in berlin) – manchmal dauert es vielleicht eine weile…

diese vom ‚volksmund‘ gefundenen umschreibungen oder übertragenen begriffe sind ausdruck einer komplexen syntheseleistung vieler menschen zusammen, die sich gar nicht unbedingt kennen müssen bzw. medialer, informativer gestaltungsprozesse. es sind subtile soziale übereinkünfte, die wir oft genug gar nicht würdigen (können). sie stehen an einer schwelle des bewußten, wo etwa das urheberrecht in ein ganz anderes licht gerückt wird. und sie verleihen öffentlichen gegenständen ein merkwürdiges eigenleben!

einige davon sind schon ohne ‚besitzer‘ – sind diese begriffe demnach übertragbar? was passiert da wahrnehmungspsychologisch? welcher semantik obligen die bauten? wie kommt es, dass bauten einen namen tragen und andere nicht, obwohl sie markant zu sein scheinen?

ein beispiel aus dresden, die sächsiche zeitung vom 20.12.2010 zitiert in ihrem artikel ‚was für ein schwibbogen‘ wie folgt:
„In der Nachbarschaft haben vier junge Leute schon einen Namen parat: „Was für ein Schwibbogen“, ruft einer von ihnen, „es fehlen nur noch die Lichter“.“
in diesem fall geht es um aneignungsprozess in der auseinandersetzung um die umstrittene waldschlösschenbrücke.

auch in DRESDEN gibt es viele davon, hier einige zur auswahl – ich suche definitiv noch mehr! wer kennt die hier? wer weiss neues? namen, bilder oder kleine geschichten: schreibt einen kommentar oder an felixliebig [at] gmx [dot] net. DANKE!

dank auch an die zuträger mit den offenen ohren für volkes mund!

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everyone knows them – places and buildings which in an astonishing manner got attached proper names by poeple.

sometimes this goes quickly, even before a building for example is finished (like the ‚washing machine‘ in berlin) – sometimes it takes quite a while…

these descriptions or transfered meanings by the vernacular are an expression of a complex achievement of synthesis of multiple people together who must not necassarily know each other or of perceptive, informative design processes. these are subtle social agreements which we often (cannot) honour. they occur at a gateway to the un-conscious at which for insance the copy right is put into a completely new light. and they give public items a curious own life!

some of these meaning already have no ‚owner‘ any longer – so, are these expressions transferable? what is going on in terms of psychology of reception? to which extend are these buildings affected by semantics? how come that buildung wear a name and others, although quite significant, do not possess one?

a sample from dresden, sächsiche zeitung cites in its issue from 20.12.2010 ‚was für ein schwibbogen‘ (‚what a candle arch‘):
„In the neighbourhood four young people already have a name at hand: „what a candle arch„, one of them exclaims, „only the lights are missing“.“
the article deals with processes of adoption in the course of controversy about so-called waldschloesschenbruecke.

in DRESDEN there are many as well, here is a selection – i definately seek more! who has a clue of these? who is aware of new ones? names, pics or little stories about them: wirte a comment or write me at felixliebig [at] gmx [dot] net. THX!

thanks also to the distributers with a good ear for the vernacular!

blumenkind dd

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die stadt ist voll von eindrücken, manche haben eine prägnanz und symphatie, deneben aber vielleicht auch ein mystikum, dass sie hängen bleiben und immer wieder interessant sind:

meine ersten entdeckungen des ‚blumenkindes‘ in dresden gehen auf den sommer 2007 zurück. ich weiss auch noch, wie eines stets an einer der statuen auf der hauptalle im grossen garten auf dem baugerüst prankte… seitdem ist es an einigen stellen verschwunden, an einigen stellen grafisch von jemandem erweitert worden oder gar von ‚kollegen‘ ergänzt worden – zum teil augenzwinkernde interaktionen. und ich entdecke zur zeit gerade wieder neue alte blumenkinder in der stadt.

das phänomen, wenn man so will, hat viel mit dem kindlichen, der blume und dem räumlichen wahrnehmungscharakter dieser figur zu tun – wer könnte sie nicht ansprechend finden? aber auch mit der tatsache, dass zwei bekannte von mir ungefähre aussagen machen über den writer, den sie flüchtig kannten, der nun aber nicht mehr in dresden sei. ungelöstes bleibt spannend! für mich persönlich ist das blumenkind eines der herausragenden urbanen phämomene, weil es – so klein und unscheinbar – etwas sehr wertvolles in sich trägt: eine schnittstelle zwischen allgemeinverbindlicher wahrnehmung von kunst im öffentlichen raum und der informellen kunst der strasse. ein kulturelles icon, das auf gewisse weise welten verbindet.

hier meine archivierten blumenkinder im slide.

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a city is loaded with impressions, some of them possessing a significance and even sympathy, besides this yet possessing a bit of mysthique to stick to our minds and become interesting every now and then:

my first impressions of the ‚flower child‘ in dresden i picked in the summer of 2007. is still even know one always showed up on the scaffolding of one of the statues on main avenue in grosser garten… ever since it disappeared in some places, in some it got grafically extended by someone or even got contextualised by ‚colleagues‘ – in part these are interventions with a twinkling eye. and i just now discover new old flower children in town.

the phenomenon, if you will, has much to do with the childish approach of the figure, with the flower and the spatial appearance of it all – who could not be subtally moved, one may ask? but also it has to do with the fact that two people i know give diffuse statements about the writer, whom they knew roughly before he moved somewhere else. the unsolved stays exciting! as for me personally the flower child is one of the most outstanding urban phenomenas because – apart from being tiny and unimposing – it holds something very important: an interface between globalised reception of art the  public space and the informal art of the streets. a cultural icon combining worlds in a way.

here are my archived flower children in a slide.